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-Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro-

Ich habe im Pinienhain einen Toten gefunden [...] Eine Leiche, neben der Eiche. [...] Sie hat keinen Kopf, sagte Manolo, man hat ihn ihr ganz sauber abgetrennt, zack.

Ein mysteriöser Mord ist das gefundene Fressen für das Sensationsblatt O Acontecimento. Als deren Sonderkorrespondent, wird Reporter Firmino unverzüglich zum Tatort nach Porto geschickt. Firmino ist wenig vom Auftrag angetan, betrachtet sich als Schmierfink unter den Journalisten und träumt vom Schreiben einer glanzvollen wissenschaftlichen Arbeit über die portugiesische Literatur.

Als nützliche Hilfe bei der Berichterstattung erweist sich sehr schnell seine schrullige Pensionswirtin, die dem jungen Schreiberling unentbehrliche Kontakte vermittelt und ihm offenbar immer einen Schritt vorauseilt. Fasziniert von den eigenen unfaßbaren Vermutungen und Verdächtigungen, gerät er in den Bann der Greueltat und wird vom unbeteiligten Beobachter zum Dreh- und Angelpunkt der Ereignisse. Im Zuge der Ermittlungen ändert sich ferner die Rolle seiner Zeitung, sie ist nicht mehr nur billige Presse, sondern garantiert den gefährdeten Mitwissern Schutz.

Gemeinsam mit dem Anwalt Don Fernando sucht er den wahren Schuldigen und lockt den angeblich einzigen Zeugen aus dessen Versteck. Er wächst an der Zusammenarbeit mit dem prominenten Verteidiger, der ihm überlegen und geistreich, aber unsäglich häßlich ist. Seine Gewitztheit und langjährige Erfahrung, sein Einsatz für die Gerechtigkeit sollen die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Doch die Mühlen der Korruption mahlen unaufhaltsam...

Dem Buch liegt als authentischer Fall der Mord an Carlos Rosa zugrunde. Am 7. Mai 1996 wurde der junge Portugiese von der Guarda Nacional Republicana (GNR), der portugiesische Nationalmiliz zuständig für den ländlichen Bereich, in Sacavém gefoltert, anschließend erschossen und enthauptet. Seine Leiche wurde später in einem Park aufgefunden. Die Tat stellte die zweifelhafte Integrität der GNR in den Mittelpunkt der Berichterstattung, brachte ihre Daseinsberechtigung jedoch nicht ins Wanken.

Tabucchi verknotet Realität und Fiktion fest miteinander und verwischt dabei die Trennlinie zwischen Unwirklichem und Wirklichkeit. Er führt uns kurz durch ein modernes Lissabon, vorbei an der kommenden Weltausstellung, er beklagt sich über die endlose Baustelle Rossio, nennt Straßennamen und Orte. Unmerklich vertauscht er Namen und Geschehnisse, seine Doppeldeutigkeiten verschlüsseln die Realität. Ohne Skrupel schickt er den Reporter Firmino auf den Weg in die Redaktion, nach Lumiar, vorbei am Holiday Inn. Dort arbeitet heute eine der bedeutendsten, wenn nicht die bedeutendste und angesehenste portugiesische Tageszeitung: der Público. Firmino indes ist beschäftigt beim O Acontecimento, dem Frontkämpfer der Regenbogenpresse.

Das Buch beschäftigt sich mit Gerechtigkeit, Korruption und Mißhandlung. Weshalb ist der Mensch dem Mensch ein Wolf? Wie ist es möglich, menschliche Existenzen zu quälen und zu vernichten?

Die Faszination der Gerechtigkeit, bzw. die ausgleichenden Gerechtigkeit und der menschliche Wunsch danach fesseln Firmino an seinen neuen Auftrag. Für die Gerechtigkeit opfert er selbst seine wissenschaftliche Arbeit. Die Lust an der Gerechtigkeit überfällt den jungen Journalisten dabei regelrecht, so daß seine innere Entwicklung dem Leser leider ein Rätsel bleiben wird. Um so überzeugender sind die restlichen Personen. Sie sind lebendig und zeitgemäß, glaubwürdige Originale.

Als Hauptkulisse für den überaus spannenden kriminalistischen Roman dient nicht Tabucchis große Leidenschaft Lissabon, sondern Porto. Die graue Stadt mit ihren kauzigen Bewohnern, ihrer geschmacklosen Vorliebe für Innereien und dunklen Kindheitserinnerungen unterzieht sich im Laufe des Romans einem Wandel. Zusammen mit Firmino, einem ausgezeichneten Reiseführer und dem topographievernarrten Tabucchi wird Sympathie für die alte Stadt am Douro geweckt. Sie wird eingebettet in ein unsägliches, unaufdringliches Wissen über das kleine Land im Westen Europas.

Mit diesem Buch hält man keinen zweiten Pereira, aber nichtsdestotrotz ein spannendes Stück Portugal in Händen.
Jutta Wasserrab

Antonio Tabucchi, Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro, Carl Hanser Verlag, München 1997, ISBN 3-446-19132-1, 251 Seiten, 39,80 DM.

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Diese Seite wurde erstellt von Jutta Wasserrab und Johannes Beck am 13.03.98