Wie bitte? José Revueltas: Die schwarze Katze der Verfassung im dunklen Zimmer der mexikanischen Republik?
Was verbirgt sich denn hinter diesem Buchtitel? Schauen wir mal auf die Rückseite des Buches:
Ich glaube im Innersten, daß man sich nicht zum Komplizen der Lügen und Kompromisse machen darf,
der zeitgenössische Künstler muß seine eigene Revolte herausschreien und verstehen lassen, daß
wir in einer unerträglichen, grausamen und hoffnungslosen Welt leben; und wenn die Dinge sich nicht ändern,
ein neues Bewußtsein nicht erscheint, wird die Menschheit dabei enden, sich selbst zu zerstören. Nun,
dann ist ja alles klar.
Wirklich klar wird der Titel dieses Buches, das sich in verschiedenen Essays mit dem Zustand der mexikanischen
Gesellschaft und Politik Ende der 60er, Anfang der 70er beschäftigt, erst auf Seite 70: Die Diskussion um
eine neue mexikanische Verfassung, so erklärt uns Revueltas, sei wie die Suche nach einer schwarzen Katze
in einem dunklen Zimmer, die zudem gar nicht im Zimmer sei.
Nach Seite 70 haben wir gerade einmal drei Seiten, um uns an den mehr als merkwürdigen Buchtitel zu gewöhnen,
denn ab Seite 73 werden wir mit neuen Titel überrascht: Die es ohne Sandalentanz in der offiziellen Politik
nicht schaffen; Der nichterstaunliche mexikanische Mythos und Corydon oder die Bourgeoisie, die “ihren Namen
nicht sagen will”.
Liegt es an der Übersetzung? Wohl kaum, denn die Texte Revueltas werden selten konkret, meist redet er ewig
“um den Brei herum”, bis er endlich auf den Punkt kommt. José Revueltas schreibt in einer sehr abgehobenen,
mit Fremdwörtern geradezu gespickten Sprache, zeitweise springt er von einem Thema zum nächsten. Der
marxistische Schriftsteller kam 1914 auf die Welt und mit 15 zum ersten Mal ins Gefängnis. 1968 nahm er an
den Studentenrevolten im Vorfeld der olympischen Spiele in der mexikanischen Hauptstadt teil. Dabei wurde er erneut
verhaftet und starb 1976 an den Folgen der schlechten Haftbedingungen und eines Hungerstreiks.
Hans-Jürgen Schmitt bringt uns in seinem Nachwort den Autor näher. Viele der Äußerungen Revueltas,
so Schmitt, träfen auch heute noch in erschreckendem Maße zu. Schmitt zieht sogar Vergleiche mit dem
Schriftsteller B. Traven, dem Subcomandante Marcos und der Aufstandsbewegung in Chiapas.
Zum Schluß des Buches finden wir noch ein kurzes Glossar mit Erklärungen zu den wichtigsten Namen und
Begriffen. Eine gute Idee, den sonst wäre das Buch für LeserInnen, die sich nicht ausführlich mit
der mexikanischen Geschichte beschäftigt haben, kaum nachvollziehbar.
Das Buch ist aber auch so nur schwer genießbar. Nur selten fühlen wir uns an aktuelle politische Zustände
erinnert, weil sich Revueltas einfach zu oft recht belanglosem und inhaltsleerem, intellektuellen Geschwafel hingibt.
Ab und zu schimmern jedoch zynische und scharfsinnige Kommentare durch, wenn er sich konkret zu einzelnen Politikern
oder politischen Parteien, wie der konservativen Opposition PAN (Partido de la Acción Nacional), äußert.
Insgesamt bleibt aber ein sehr durchwachsenes Gefühl nach der Lektüre der einzelnen Texte, die von Suhrkamp
aus verschiedenen Essays und Werken Revueltas neu zusammengestellt wurden, zurück. Weder besitzt Revueltas
das schriftstellerische Talent eines Traven, um gute Prosatexte zu schreiben, noch den konkreten, politischen Scharfsinn
eines Subcomandante Marcos, um ein gutes politisches Werk zu verfassen.
Wer sich für die Figur José Revueltas interessiert, dem sei das Buch empfohlen. Für alle anderen
gibt es bessere Literatur zum Thema Mexiko.
Johannes Beck
José Revueltas, Die schwarze Katze der Verfassung im dunklen Zimmer der mexikanischen Republik (Herausgegeben
von Hans-Jürgen Schmitt/Übersetzung von Hans-Otto Dill), Edition Suhrkamp Neue Folge Band 975, Frankfurt
am Main 1997, ISBN 3-518-11975-3, 240 Seiten, 19,80 DM.