Lange ist kaum etwas zu Portugal im deutschsprachigen Raum veröffentlicht worden, aber mit dem Schwerpunktland
Portugal auf der Frankfurter Buchmesse 1997 und der sich nahenden EXPO 1998 in Lissabon ist geradezu eine Flut
von Titeln, die sich mit dem Staat am westlichen Rande Europas beschäftigen, auf uns hereingebrochen.
Das Buch Portugal heute aus dem Vervuert Verlag Frankfurt ragt dabei bereits schon durch den mit fast 1.000 Seiten
beeindruckenden Umfang heraus. Als Vorbild dienten die im gleichen Verlag erschienenen Titel Mexiko heute (siehe
Portuñol Nr. 10), Spanien heute und Brasilien heute. Die Herausgeber sind Dietrich Briesemeister und Axel
Schönberger, beide vom Ibero-Amerikanischen Institut Preußischer Kulturbesitz aus Berlin.
Beim ersten, oberflächlichen Überblick fällt sofort der deutliche Schwerpunkt Kultur ins Auge. Die
Teile Sprache, Kultur, Bildung und Wissenschaft sowie Kulturbeziehungen zwischen Portugal und Deutschland nehmen
mit zusammen ca. 620 Seiten den überwiegenden Teil des Sammelbandes ein. Während Geschichte, Staat, Politik,
Gesellschaft und Religion immerhin noch etwa 200 Seiten gewidmet sind, muß sich Wirtschaft, Land und Bevölkerung
mit ca. 100 Seiten begnügen.
Im Vorwort wird dementsprechend auch darauf verwiesen, daß dies die deutsche Beschäftigung mit Portugal
widerspiegele, welche sich hauptsächlich auf der literarisch-linguistischen Ebene vollziehe. Dadurch würden
die wirtschaftlichen und politischen Kontakte, auch wenn sie in der Praxis teilweise eine große Rolle spielten,
an den Rand gedrängt. Dies ist um so verwunderlicher, wenn man bedenkt, daß Deutschland für Portugal
als Exportland Nr. 1 und Importland Nr. 2 eine herausragende Bedeutung im Außenhandel zukommt.
Auf den ersten Blick fällt ebenso auf, daß am Ende kein Index angeführt ist, die Aufteilung des
Buches in kleinere, überschaubare Aufsätze läßt dies allerdings verschmerzen. Dafür finden
wir die Adressen der einzelnen AutorInnen, Kurzbiographien werden uns aber leider vorenthalten.
Der Reigen der insgesamt 47 Artikel beginnt mit dem einzigen Aufsatz zur Wirtschaft Portugals von Fabian Bornhorst.
Im großen und ganzen bietet er uns einen guten Überblick von der Wirtschaftsgeschichte über die
drei Sektoren (Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen) und den Arbeitnehmern bis hin zu Portugals Rolle
in der Weltwirtschaft. Nur ab und zu schleichen sich kleine Fehler ein. So mißt etwa die Ponte Vasco da Gama,
die neue Tejobrücke von Lissabon, nur 1,8 km statt den tatsächlichen 17,2 km. Und die Börse von
Porto findet seit einiger Zeit nicht mehr in ihrem historischen Gebäude, dem Palácio da Bolsa, statt.
Kapitel zu den Unternehmens- und Managementstrukturen und zum Finanzmarkt Portugal fehlen leider völlig.
Nach der grundlegenden Einführung in die portugiesische Wirtschaft folgt im ersten Teil Wirtschaft, Land und
Bevölkerung nur noch ein schlecht strukturierter Aufsatz zur Bevölkerungsentwicklung von Dietrich Briesemeister.
Die lange Aneinanderreihung von Zahlen läßt portugiesische Charakteristika leider nicht deutlich werden,
sondern verwischt sie eher.
Der Artikel zur portugiesischen Geschichte bis zur Nelkenrevolution von Axel Schönberger hinterläßt
einen fahrigen Eindruck. Häufige Abschweifungen in die Gegenwart, so z.B. zur heutigen Bewertung der französischen
Revolution oder zur aktuellen Situation des Galizischen, nerven.
Wichtige Zeitabschnitte wie die spanische Herrschaft von 1580-1640 werden dagegen auf eineinhalb Seiten abgehandelt.
Zur Maurenherrschaft in Portugal erfahren wir kaum etwas, dafür bekommen wir auf zwei Seiten ausführliche
Informationen zur katalanischen und baskischen Geschichte im Mittelalter.
Selbst bei allerwichtigsten Daten haben sich Fehler eingeschlichen. So jährt sich erst 1998 und nicht schon
1997 zum 500.mal die Entdeckung des Seeweges nach Indien durch Vasco da Gama. Die portugiesische Republik wurde
am 5. und nicht bereits am 4. Oktober 1910 ausgerufen.
Der hier wiedergegebene Forschungsstand ist nicht viel besser als in den mittlerweile völlig veralteten Werken
von Jacob und Armando aus den 60ern. Die portugiesische Kolonialgeschichte liest sich immer noch so, als hätten
sich ein paar abenteuerlustige Seefahrer aus reiner Neugier in die fernen Länder vorgewagt. Motive wie der
Sklavenhandel werden nur am Rande, die brutale Vorgehensweise gegen die einheimische Bevölkerung und die Intoleranz
ihren religiösen Kulten gegenüber überhaupt nicht erwähnt. Das hätte nun wirklich nicht
sein müssen! Kritiklose Übernahmen der portugiesischen Lobhudeleien auf ihre Descobrimentos gibt es schließlich
schon mehr als genug.
Ebenso fragt man sich, wo Schönberger die Information her hat, ganz Lissabon sei beim Erdbeben 1755 vollständig
zerstört worden. Daß große Teile der historischen Bausubstanz wie die Kathedrale oder das Jerónimos-Kloster
in Belém das Erdbeben relativ oder ganz unbeschädigt überdauert haben, scheint nicht bekannt zu
sein.
Der nächste Artikel von Dietrich Briesemeister widmet sich dem Estado Novo unter dem faschistischen Diktator
Salazar und macht einen schnell zusammengestrickten Eindruck.
Wichtige Personen wie Adriano Moreira, der ehemalige Überseeminister, tauchen plötzlich auf, ohne erklärt
zu werden. Als letzter Satz wird den Lesern ohne weitere Erläuterungen präsentiert: Die Guardia Nacional
Republicana umfaßte etwa achttausend Mann. Abgesehen davon, daß es Guarda Nacional Republicana heißen
müßte, erfahren wir nicht einmal, daß es sich hier um die portugiesische Miliz handelt.
Die portugiesische Verfassung des Estado Novo behandelt derselbe Autor im folgenden Kapitel. Leider schmeißt
er hier alle verschiedenen Verfassungen des Estado Novo durcheinander, anstatt die Verfassung von 1933 zu präsentieren
und dann auf die Änderungen der folgenden Jahre einzugehen. Gleich darauf schildert uns Axel Schönberger
im Aufsatz zu den Verfassungen seit der Nelkenrevolution auf zehn Seiten ihre Wirren. Warum hätte man diesen
Artikel nicht hinter den nächsten Aufsatz zur portugiesischen Zeitgeschichte seit der Nelkenrevolution stellen
können? Die gewählte Gliederung im Teil zu Geschichte und Politik ist äußerst chaotisch, da
sich Aufsätze überschneiden und anderen, eigentlich grundlegenderen Aufsätzen, sozusagen den Inhalt
vorwegnehmen. Schade, da der Inhalt eigentlich streckenweise ganz gut ist, er leidet aber durch die mangelhafte
Gliederung erheblich.
Der erste voll überzeugende Artikel zur portugiesischen Geschichte ist der Aufsatz von Manuel von Rahden zur
Zeitgeschichte seit der Nelkenrevolution. Er schildert detailliert und spannend die verworrenen Ereignisse um den
25. April 1974 und den Übergang zu geordneten Verhältnissen nach der sogenannten Nelkenrevolution. Von
Fabian Bornhorst folgt ein guter Überblick über die portugiesische Außenpolitik.
Dietrich Briesemeister beschreibt anschließend die katholische Kirche Portugals. Leider vergißt er
bei seinen Ausführungen zu den evangelischen Freikirchen die Igreja Universal do Reino de Deus/IURD, welche
in den letzten Jahren in Portugal und Brasilien für große Polemik gesorgt hat. Dafür ist die Schilderung
der Situation der Juden in Portugal von Michaël Studemund-Halévy um so kompletter. Es gelingt ihm,
viele persönliche Verbindungen aufzuzeigen.
Der umfangreichste Teil des Buches zu Sprache, Kultur, Bildung und Wissenschaft beginnt mit einem exzellenten Überblick
von Michael Scotti-Rosin über die Situation der portugiesischen Sprache im 20. Jahrhundert, in dem er auch
auf die Unterschiede der portugiesischen und brasilianischen Varianten des Portugiesischen und auf deren Verbreitung
in Deutschland eingeht. Noch besser für die Vorbereitung auf sprachwissenschaftliche Klausuren (z.B. im Vordiplom)
dürfte der Aufsatz von Eberhard Gärtner zur Entstehung und Entwicklung der europäischen und der
brasilianischen Varietät des Portugiesischen sein. Ebenso empfehlenswert sind sicher auch die folgenden Artikel
von Jürgen Schmidt-Radefeld zur dialektalen Gliederung des Portugiesischen sogar mit einer Farbkarte sowie
von Sybille Große zu den Besonderheiten des brasilianischen Portugiesisch. Der letze Aufsatz überzeugt
besonders durch seine gute Gliederung und die außergewöhnlich umfangreiche Bibliographie.
Leider ist der Artikel von Anette Endruschat zur portugiesischen Sprache in Afrika nicht ganz so gut gelungen.
Hier werden den Lesern Worte wie colectivização, implementação, massificação
oder absentismo als Neubildungen der afrikanischen Varianten des Portugiesisch präsentiert, obwohl es sie
schon längst in Portugal gibt. Petra Thiele präsentiert anschließend einen einwandfreien Abriß
zu den portugiesischen Kreolsprachen, welcher durch eine Karte gut illustriert wird. Werner Thielemann leitet uns
durch den unübersichtlichen Dschungel der diversen Acordos Ortográficos (Rechtschreibabkommen). Gewisse
Parallelen zur aktuellen deutschen Situation sind nicht zu übersehen. Schön, daß sich ein deutschsprachiger
Autor mit diesen Acordos Ortográficos beschäftigt, aber wieso sind die portugiesischen Zitate nicht
übersetzt worden? Das verringert die Nutzbarkeit für LeserInnen, die des Portugiesischen nicht mächtig
sind, erheblich.
Nach dem sprachwissenschaftlichen Auftakt sind die nächsten Aufsätze im kulturellen Teil, dem Roman,
dem Drama und der Lyrik gewidmet. Der Beitrag von Gesa Hasebrink zum portugiesischen Roman nach der Nelkenrevolution
ist aber leider ein völliger Flopp. Die Autorin ergießt sich auf zwölf Seiten in philosophierendem
Blabla ohne auch nur eine einzige Zwischenüberschrift zu machen. Wichtige Romane wie Tratado das Paixões
da Alma von António Lobo Antunes, O Evangelho segundo Jesus Cristo von José Saramago oder A Costa
dos Murmúrios von Lídia Jorge erwähnt sie nicht einmal. Eine detaillierte Kenntnis des portugiesischen
Theaterwesens beweist dagegen Wilfried Floeck. Für seine gute Recherche spricht, daß er sogar auf kleine
Theatergruppen in Lissabon und Umgebung eingeht. Sehr ausführlich ist auch die fast fünfzigseitige Abhandlung
von Júlio Conrado zur portugiesischen Lyrik seit der Nelkenrevolution.
Anschließend präsentiert Erwin Koller einen überzeugenden Überblick über die Medienlandschaft
Portugals. Sehr zu loben ist, daß auch akademisch meist eher unberücksichtigten Medien wie dem Kino
oder dem Internet eigene Artikel eingeräumt wurden. Leider ist aber die moderne portugiesische Rock- und Popmusik
im Artikel Das Fatum des Fado in der Entwicklung der modernen portugiesischen Musik nicht besonders gut dargestellt.
Der Autor Luciano Caetano da Rosa zählt fast nur Gruppen auf, verwechselt sogar Sampler-CDs wie die Technoscheibe
Totally Kaos 2 vom Label Kaos mit eigenständigen Gruppen. Vielleicht wären getrennte Artikel zum Fado
und zur modernen Musik besser gewesen. Der Architektur hingegen sind zwei gesonderte und gut recherchierte Artikel
zu Portugal und zu Lissabon gewidmet.
Mit neun Aufsätzen ist der Teil zu den Kulturbeziehungen zwischen Portugal und Deutschland sehr ausführlich
geraten. Hier finden sich z.B. zwei Artikel zur Situation des portugiesischen bzw. deutschen Sprachunterrichts
im jeweils anderen Land. Den Schluß bilden zwei Arbeiten zum Deutschlandbild in Portugal und zum Portugalbild
in Deutschland. Der letzte Aufsatz von Dieter Offenhäußer stellt aufgrund seiner süffisanten Abrechnung
mit den deutschen Portugal-Klischees von A wie astronomischem Alkoholkonsum über K wie Kinderarbeit bis Z
wie uneuropäisches Zeitgefühl einen würdigen Abschluß des Buches dar.
Das Fazit fällt gemischt aus: Sehr ausführlich und weitgehend qualitativ hochwertig sind die Teile zur
Kultur und zu den deutsch-portugiesischen Beziehungen hier dürfte Portugal heute sicher das unangefochtene
deutschsprachige Standardwerk werden. Auch der Wirtschaftsteil kann trotz seiner Kürze überzeugen, nur
der geschichtliche Teil hinterläßt leider aufgrund seiner schlechten Gliederung und der teilweise fehlenden
Berücksichtigung neuerer Forschungsergebnisse einen recht faden Beigeschmack. Hier müssen wir auf die
deutsche Übersetzung des Werkes Breve História de Portugal von A. H. Oliveira Marques warten, die noch
in diesem Jahr erscheinen soll.
Johannes Beck
Dietrich Briesemeister/Axel Schönberger (Hrsg.), Portugal heute. Politik Wirtschaft Kultur, Bibliotheca
Ibero-Americana Bd. 64, Vervuert Verlag, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-89354-564-6, 940 Seiten, 88,- DM.