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-José Cardoso Pires: Lissabonner Logbuch-

Ein Logbuch über Lissabon? Warum denn keines der üblichen Tagebücher oder literarischen Reiseführer?
José Cardoso Pires, ehemaliger Direktor der Lissabonner Tageszeitung Diário de Lisboa, und heute einer der angesehensten Schriftsteller des Landes, segelt mit uns über ein Meer aus Stein. Ja, Sie haben richtig gehört: Er segelt durch Lissabon.


Geradezu anmutig führt er uns durch die Lissabonner Gassen. Ausgangspunkt ist das Castelo São Jorge, dort wo man mitten in der Stadt das Gefühl hat, ihr ganz fern zu sein, sie distanziert wie in einem Film beobachten zu können. Nach einem kurzen Aufenthalt in den Cafés am Rossio geht es auf dem Campo Santana, wo uns José Cardoso Pires in die Geheimnisse jener merkwürdigen, von religiösen Devotionalien umlagerten Statue des Arztes Sousa Martins einweiht. Die manchmal merkwürdige Auswüchse zeigende Heiligenverehrung der Lissabonner gibt ihm genug Gelegenheit zu beißendem Spott. Aber nicht nur die Lisboetas bekommen ihr Fett ab, die “This is Fado, this is Saudade”-Ausländer ebenso.

Immer wieder machen wir halt an einem der unzähligen Aussichtspunkte Lissabons, den Miradouros, um beispielsweise darüber zu rätseln, ob die Stadt nun weiß oder blau sei. Schaut man nach unten auf dem Boden wird man angesichts des Meeres aus weiß-schwarzen Pflastersteinen vielleicht eher dazu geneigt sein, für weiß zu plädieren, doch ein Blick nach oben auf die mit Azulejo eingekleideten Häuserfassaden und den tiefblauen Himmel des portugiesischen Sommers bietet einige gute Argumente für blau.

Bei einem Besuch im Lissabonner Untergrund stellen wir überrascht fest, daß sich hier in den prächtig verzierten Metrostationen das Straßenpflaster widerspiegelt. Durch eine Metrofahrt lernen wir nicht nur den Chiado – für José Cardoso Pires das eigentliche Lissabon – sondern auch weiter außerhalb liegende Stadtteile wie Benfica oder Carnide kennen.

Das Nachwort bleibt Antonio Tabucchi vorbehalten, dem Italiener von dem José Cardoso Pires sagt, daß er der einzige wäre, der auf dem Stuhl neben Fernando Pessoa vor dem Café A Brasileira Platz nehmen dürfe. Tabucchi beantragt in seinem Nachwort, als Matrose auf der Lisboa mitfahren zu dürfen. Allerdings weiß er nicht, wie er die Stadt angesichts der immensen Anredeformen, welche das Portugiesische zu Verfügung stellt, anreden soll.

Die Übersetzerin Maralde Meyer-Minnemann hat am Schluß noch ein kleines Glossar hinzugefügt, in dem für die interessierten LeserInnen die SchriftstellerInnen und KünstlerInnen, welche das Buch in großer Anzahl bevölkern, kurz mit ihren wichtigsten biographischen Daten vorgestellt werden. Ihre Übersetzung ist bis auf ein paar kleine Fehler gut gelungen. Manchmal verliert das Portugiesisch José Cardoso Pires‘ im Deutschen jedoch an Spritzigkeit und wirkt etwas antiquiert.

Wer sein Herz an Lissabon verloren hat oder verstehen will, warum diese Stadt für viele so faszinierend ist, dem sei dieses Buch nahegelegt. Nur wenige andere Autoren wie Antonio Tabucchi oder Hans Magnus Enzensberger haben bisher den Reiz dieser Stadt dermaßen gekonnt eingefangen.
Johannes Beck

José Cardoso Pires, Lissabonner Logbuch. Stimmen, Blicke, Erinnerungen (mit einem Nachwort von Antonio Tabucchi), Carl Hanser Verlag, München 1997, ISBN 3-446-19162-3, 80 Seiten, 20,- DM.
Das Original erschien 1997 unter dem Titel Livro do Bordo bei Dom Quixote in Lissabon.

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Diese Seite wurde erstellt von Jutta Wasserrab und Johannes Beck am 13.03.98