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-Verhaltenstips für lateinamerikanische Studenten in Köln-

Sprichst du Spanisch?, werden sie dich bei der erstbesten Gelegenheit fragen. Aber fliehe nicht. Es ist unmöglich, ihnen zu entkommen. Sie sind einfach überall. Es gibt keine Veranstaltung zu Lateinamerika, in die sie nicht ihre Nase stecken. Und ihre Nasen sind wie sie: etwas ganz Besonderes. Sie haben eine für normale Menschen ungewöhnliche Fähigkeit entwickelt, Lateinamerikaner zu erkennen. Aber es gibt keinen Grund zu erschrecken. Auch sie sind erkennbar. Natürlich sind sie in Lateinamerika gewesen. Und deswegen sprechen sie wie Lateinamerikaner. Einige wie Chilenen, andere wie Argentinier oder Mexicaner, und es gibt sogar welche, die ein paar Worte Quechua, Nahuatl oder Guarani gelernt haben, je nach dem, an welchen Ort es sie verschlagen hat, um über das Schicksal unberührter Länder zu mutmaßen, die, nebenbei bemerkt, von ihren vornehmen Ahnen und weniger vornehmen Regierungen ziemlich ausgebeutet worden sind. Ihre Kleidung verrät sie zu unserem Glück, so daß du sie schon kilometerweit erkennen kannst. Sie tragen moderne lateinamerikanische Motive, so lateinamerikanisch, daß kein Mensch aus unserem Kontinent sich trauen würde, mit solchem Kitsch auch nur bis zur nächsten Straßenecke zu gehen. Aber so sind sie, päpstlicher als der Papst.

Falls dir all diese Hinweise nicht helfen sollten, ihnen zu entgehen, wirst du spätestens dann merken, daß du auf einen von ihnen gestoßen bist, wenn du die Standardfrage hörst, mit der dieser Artikel beginnt, und die jedes Mal, wenn sie einen armen Latino überfallen, eine Art pflichtmäßige Anstandsfrage ist. Also, ... Man kommt aus Peru oder Ecuador oder von sonstwoher und die Inkas oder Mayas schauen schärfer aus deinen Gesichtszügen hervor als auf den Mauern der prähispanischen Pyramiden, und sie fragen dich, ob du Spanisch sprichst.

Komischerweise kommt es ihnen nicht in den Sinn, zu fragen, ob du beispielsweise Deutsch sprichst. Sie wollen freundlich zu dir sein und dich integrieren, und deswegen sprechen sie dich direkt in deiner Sprache an. Was macht es schon, daß sie dich auf einer sehr empfindlichen Ebene treffen? Daß sie dich des grundlegenden Mediums berauben, das du als Ausländer brauchst, um dich in eine fremde Gesellschaft einzugliedern? Alles in allem, wer will sich schon in ein Land eingliedern, in dem alles schrecklich ist, ohne Kultur, und in dem die Leute unbewegliche Sturköpfe – “quadratisch” - sind? Nicht wie in Lateinamerika, wo alle gut sind und wo trotz Unterernährung und Diktaturen immer genug Zeit ist, das Leben zu genießen. Deshalb versteht es sich einfach von selbst, daß du mit ihnen auf Spanisch sprechen möchtest (sie fragen dich nicht einmal vorher), und sie haben keine Bedenken, dies drei Stunden lang zu tun, selbst wenn du ihnen die ganze Zeit über in ihrer eigenen Sprache antwortest.

Falls noch Zweifel bestehen sollten, werden sie sich auflösen, wenn du die zweite Standardfrage des Verhörs, dem sie dich konsequent unterziehen werden, hörst und dann merkst, daß es einer von ihnen ist: “Was studierst du?” werden sie dich aus reiner Höflichkeit fragen, da es ja für sie klar ist, daß alle Lateinamerikaner wie sie Regionalwissenschaft Lateinamerika studieren müssen. Sie können nicht verstehen, daß sich jemand für Goethe oder Wagner - welch junger Fortschrittlicher könnte diesen Antisemiten hören? -, Wittgenstein oder die Nibelungen interessiert. Ganz im Gegenteil, es erscheint ihnen am normalsten, sich in Neruda, Vargas Llosa, Zoe Valdés (ist gerade modern) oder irgendeinen anderen großen Schriftsteller der Neuen Welt zu versenken, von deren Existenz der Normalsterbliche keine Ahnung hat. Wenn du unglücklicherweise deutsche Philologie und Musikwissenschaft studierst, wie in meinem bedauernswerten Fall, mußt du dich auf eine unangenehme Szene gefaßt machen. Ein verständnisloser Gesichtsausdruck läßt das Lächeln auf ihren Lippen erstarren. Sie werden, wenn sie äußerst freundlich sind, leicht verwirrt “Wie interessant!” ausrufen, ohne jedoch zu verstehen, daß sich ein Latino lieber solchem Unsinn widmet anstatt dazu beizutragen, daß die deutsche Wirtschaft den amazonischen Dschungel, die karibische Küste oder die andine Kordillere durchdringt. Enttäuscht, da ihre eigene Kultur sie langweilt, werden sie ein geeigneteres Thema suchen und dir daraufhin die dritte Frage stellen: “Woher kommst du?”

Im folgenden wirst du erfahren, wie oft sie den Ozean überquert haben, und sie werden dir sagen, wie schön dein Land ist - welches Land ist nicht schön mit 2000 DM in der Tasche! Natürlich verfügen sie auch über Sätze wie: “In Peru war ich nur eine Woche.” Oder: “Leider konnte ich nicht länger als drei Wochen in Chile bleiben, da ich einen Flug nach Asunción hatte.” Macht nichts. Dank einer besonderen, nur ihnen eigenen Gabe benötigen sie keinen langen Aufenthalt in unseren Reichen, um die furchtbaren Probleme zu verstehen, die uns seit Jahrhunderten zerstören, und sie maßen sich sogar an, uns sehr pragmatische Lösungen vorzuschlagen. Mir geht es genau andersherum: Je mehr Zeit ich in diesem Land verbringe, desto weniger verstehe ich es. Aber bitte, komme nicht auf die absurde Idee, ihnen zu widersprechen. Es wäre vergebens.

Ebenso vergebens wie der Versuch, sie zu unterstützen, denn im Grunde sind diese exemplarischen Exzentriker harmloser als ein Papagei, und das Schlimmste, was sie dir antun können, ist, dir den Kaffee in der Pause oder das Mittagessen in der Mensa zu verderben. Ich bitte dich, mach ihnen keine Vorwürfe. Du könntest sie verletzen. Dann werden sie dir sagen, daß du kein gewöhnlicher Latino bist, denn die Leute dort sind stets sehr freundlich und offen, und du bist sturer – “quadratischer” - als die (meisten) Deutschen. Die Wahrheit ist, daß ich niemals einen quadratischen Deutschen gesehen habe. Allerdings, das ist wahr, einige runde. Aber ich sehe nicht, weshalb man sie als Beispiel für etwas Negatives anführen sollte, oder irre ich mich?

Eine zweite Warnung

Wenn du dann, erschöpft von diesem Dialog mit Tauben, in deinen Seminarraum zurückkehrst, wird die Aussicht nicht weniger deprimierend sein. Ein gelangweilter Professor hört einem gelangweilten Studenten zu, der seinen Kommilitonen ein langweiliges Referat vorträgt. Diese sind mit so wichtigen Dingen beschäftigt, wie die Fensterscheiben des gegenüberliegenden Gebäudes zu zählen, eine Berechnung der Strumpffarben der anwesenden Studentinnen zu machen oder Klimt und Picasso auf den Pultoberflächen nachzueifern. Dann wirst du die übertriebene Rhetorik der Professoren deiner Universität jenseits der Meere vermissen. Sie mußtest du daran erinnern, daß ihre Stunde zu Ende war. Sicherlich mehr als einmal wurde die Diskussion in einer Kneipe fortgesetzt. Plötzlich, ohne zu wissen, wie, wurdest du Zeuge, wie sich Dr. Luis Rivero de la Fuente in Lucho und Don Rodrigo Galindo in Tito verwandelte, und für einige Momente hattest du sogar den Eindruck, daß sie so normal wie du seien, wenn auch ein wenig weiser.

Hier sind die Dinge anders. Der Professor ist eine Art Loki: kein Gott, aber etwas sehr ähnliches. Verlange nicht, daß dir dieser irgendeine Form von Aufmerksamkeit schenkt, um deine Fragen zu klären. Nein. Der Professor ist sehr mit seinem Forschungsprojekt beschäftigt (denn hier forscht man an der Universität und nicht wie in Lateinamerika, wo die Unterschlagungen der Verwaltung das einzige sind, was erforscht wird) und kann keine Zeit mit für die Welt so unbedeutenden Problemen wie die eines armen, desorientierten Drittweltlers verlieren. Der Beruf ist ganz einfach ein anderer als bei uns. Wenn die Lehre in Lateinamerika eine Art Berufsbild ist, ist sie hier eine Art Kreuz, wie eine moralische Auflage aufgesetzt auf den Luxus, auf deinem wissenschaftlichen Spielfeld zu machen, wozu du Lust verspürst. Warum sonst sollte es komisch erscheinen, daß ein Dozent der Frage nach der Uhrzeit mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem Entziffern der seltsamen Syntax, der du dich bedienst, um seine Behauptungen in Abrede zu stellen? Alles in allem: Es interessiert niemanden, wofür du dich interessierst. Was alle wollen, ist der Schein und weiter nichts. Deswegen rate ich dir, keine Fragen im Kurs zu stellen. Wenn dies in Kolumbien oder Guatemala die Sympathie deiner Professoren und die Bewunderung deiner Kommilitonen weckte, können die Folgen hier höchst gegenteilig sein. So besteht eine deiner Aufgaben als Student darin, wenn der Professor fragt, ob es noch Fragen gibt, zur Decke zu schauen oder mit gesenktem Kopf deine Hefte einzupacken. Für den Fall, daß du es nicht weißt, muß ich dir sagen, daß dies zum System des Selbststudiums gehört, welches die germanischen Universitäten verlangen.

In Lateinamerika zwingt dich das halbschulische Universitätssystem, einem bestimmten und fortlaufenden Stundenplan zu folgen. Hier, liberaler und moderner, bietet dir das System des Selbststudiums die Möglichkeit auszuwählen, welche unabdingbaren Themen du ignorieren kannst, und es erlaubt dir so riesige Lücken in deiner akademischen Bildung, daß du ins neunte Semester Ethnologie kommen kannst, ohne zu wissen, wer Malinowski war, was vergleichbar grauenhaft ist wie Philosophie zu studieren und Sokrates mit dem ehemaligen Verteidiger der brasilianischen Fußballauswahl zu verwechseln. Ja, ich weiß, es ist nicht sehr ermutigend, aber es ist doch besser zu wissen, was auf einen zukommt. Und schon genug (Süd-) Amerikaner mußten angesichts der Alten Welt die Segel streichen, meinst du nicht auch?

Kein Grund zur Verzweiflung

Falls du aus irgendeinem Grunde verwirrt bist, verzweifle nicht. Im Unterschied zu den Universitäten unseres Kontinents besitzen die deutschen Universitäten eine Abteilung für studentische Beratung, in der du all deine Sorgen loswerden kannst. Natürlich heißt das nicht, daß sie dir nur irgendeine Lösung anbieten wollen. Ganz im Gegenteil. Wenn du mit einem “Ich bin nicht sicher” beginnst, werden sie dich mit Sätzen wie “Machen Sie sich keine Sorgen” überschütten. Oder mit diesem realistischeren, deswegen aber nicht weniger absurden: “Am Anfang ist das normal, aber mit der Zeit werden sie sich daran gewöhnen”. Also, tatsächlich gewöhnst du dich mit der Zeit an die Unverschämtheiten der Lateinamerika-Fans und an den Überdruß der Dozenten, und auch du fügst dich hinein, so gut es geht, deine Scheine zu machen und dein Studium zum Abschluß zu bringen. Mit zwei Worten: “Jeder tanzt auf seiner eigenen Hochzeit!” Und das wichtige ist, fertig zu werden.

Die Studien auf teutonischem Boden bieten dir auch andere Möglichkeiten. Die Bibliotheken sind wirkliche Weisheitsgrotten. Die Wissenschaft der ganzen Welt, die brillantesten Gehirne finden in ihrem Inneren Unterschlupf. Aber sie erschöpfen sich bei weitem nicht in solch wertvollen Verdiensten. Eine ihrer kostbarsten Qualitäten ist es, die schönsten männlichen und weiblichen Exemplare der Universität auf ihrem Terrain zu vereinen. Wenn du dich also nicht während des Studiums anwerben läßt, hast du vielleicht Glück und läßt dich mit einer Einheimischen ein, und, da man später arbeiten und eine Familie unterhalten muß, wird die Universität nach und nach zu einem unnötigen Luxus.

In der Zwischenzeit, während du auf der Suche nach deinem Glück bist, sparst du dir die Fahrtkosten in den Straßenbahnen, zahlst die Hälfte im Kino und kannst sogar ein Zimmerchen für 350 DM im Monat mieten. Ein wahrer Luxus! Was willst du mehr?

Auf der anderen Seite hast du immer die Möglichkeit, die Einschreibung beispielsweise dazu zu verwenden, Vollzeit zu arbeiten, ohne Steuern zu zahlen. Dann kannst du immer mehr Geld sparen, bis es den Herren vom Auslandsamt auffällt, daß du seit 17 Semestern studierst, ohne dein Grundstudium beendet zu haben. Dann werden sie dein Visum einziehen und dich zu der Wiege zurückschicken, aus der du an einem lang zurückliegenden Tag in der naiven Überzeugung hergekommen warst, deine akademische Ausbildung zu verbessern. Sie werden dich zurückschicken, sei dir sicher, aber, was macht’s? Ist dort das Leben etwa nicht schöner, natürlicher, gefühlvoller, besser in allem?
Julio Mendívil
(Übersetzung: Britt Diegner)

Gefunden in der ila (Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika, Bonn) Nr. 210, Nov. 97, S. 25-27

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Diese Seite wurde erstellt von Jutta Wasserrab und Johannes Beck am 13.03.98