Geographie muß über die Welt und ihre Länder unterrichten, muß ein Wissen darlegen,
das vor allem Staatsmännern, Kaufleuten, Strategen, Seefahrern, Historikern und Lesern von Schriften unentbehrlich
ist.
Eine bereits von Griechen und Römern formulierte Erwartung, deren Argumentation bis in die Neuzeit hinein
stimmt. So entstanden aus ursprünglich knapp kommentierten Weltkarten allmählich Reiseberichte, die ein
Land oder einen Küstenstreifen anhand einer Reiseroute beschrieben. Wenn man hier z.B. an Marco Polo denkt,
kann die Wichtigkeit solcher geographischer Werke gar nicht überschätzt werden.
Für die genannten Berufsgruppen genauso wie allgemein für ein Verstehen der überschaubarer werdenden
Welt und der Menschen darauf. Im modernen Weltbild und der modernen Landeskunde hat Humboldt mit seinem Mexico-Werk
Pionierarbeit geleistet.
Mit dem vierten Band der insgesamt siebenbändigen Studienausgabe hält der Leser im deutschsprachigen
Raum erstmals nach über 180 Jahren das komplette ”Mexico-Werk” in den Händen. Unterteilt ist das ganze
in Bänder und Bücher.
Hinzugefügt wurde ein Extrabeiheft, bestehend aus insgesamt 17 Karten des Humboldtschen Mexico-Atlasses. Diese
sogenannten Tafeln werden im ersten Teil als geographische Einleitung genau analysiert; da geht es um Lagebestimmungen,
Entfernungsberechnungen, Straßenkarten, Vulkanquerschnitte und astronomische Beobachtungen – sind daher für
Laien nur bedingt nachvollziehbar.
Spannender gestaltet sich das zweite Buch, in dem Humboldt sich quer durch alle Schichten mit der Bevölkerung
Mexicos beschäftigt, die Einteilung in Kasten, Krankheiten, Gesundheit der Arbeiter in den Silberbergwerken,
Zivilisationsstufe der Indianer, die Verschiedenheit ihrer Sprachen und ihre Wanderungen sind dort genauso zu finden
wie das Verhältnis der Geschlechter zueinander, Geselligkeit oder Teuerungsraten von Lebensmitteln.
Da freut sich nicht nur der Historiker, auch für Geographen, Wirtschaftswissenschaftler, Mediziner und allgemein
Interessierte dieser Region ist das Werk eine wahre Fundgrube.
Das dritte Buch besteht aus einer ausführlich kommentierten Sammlung von statistischen Daten zur Bevölkerung,
ihrem Areal, dem Zustand der Bergwerke und der Landwirtschaft.
Ungemein vielfältig und sehr detailliert schildert der Forscher auch in späteren Kapiteln den Handel,
die koloniale Verwaltung oder auch die militärischen Verteidigungsmöglichkeiten Neu-Spaniens, wie es
sich Ende des 18.Jh für einen Zeitzeugen darstellte. Vereinfacht wird die Lektüre durch die Hinweise
des Kommentators Hanno Beck, der Begriffe oder Sachzusammenhänge erläutert, die heute ohne Erklärungen
unverständlich wären. Im Anhang finden sich neben aufschlußreichen Hintergrundinformationen auch
Erläuterungen zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte dieses sehr umfangreichen Machwerkes.
Spürbar ist, daß Humboldt Partei für die Bewohner ergreift, er vergleicht, baut geschickt Verbesserungsvorschläge
ein und prangert auch schon mal die Unfähigkeit der kolonialen Verwaltung an, und das nicht nur, wenn die
Metropole mal wieder unter Wasser steht. Da dieses Werk Karl V. gewidmet wurde, war dazu viel Diplomatie vonnöten
und das erhöht eindeutig den Lesespaß.
Alexandra Geiser
Alexander von Humboldt, Mexico–Werk. Politische Ideen zu Mexico, Studienausgabe Band 4, Wissenschaftliche Buchgesellschaft,
Darmstadt 1991, ISBN 3-534-03104-0, 578 Seiten, 118,– DM.