Der amerikanische Reisebericht … erwies Humboldt als maßgebenden Forschungsreisenden mit bedeutender
Nachwirkung und als größten Geographen der Neuzeit, zudem als besten Tropenkenner in der Epoche der
klassischen Geographie in Deutschland (1799-1859) und seiner Zeit.
So charakterisiert Hanno Beck, Herausgeber der neuen Studienausgabe der Werke Alexander von Humboldts, den Bericht
zur Forschungsreise in den Tropen Amerikas, die Humboldt von den Kanarischen Inseln u.a. ins heutige Venezuela
und Kolumbien sowie nach Kuba geführt hat.
Einem solch bedeutendem Werk gebührt natürlich auch eine würdige Aufmachung, die mit Ganzleineneinband,
goldbedrucktem Buchrücken und Schutzumschlag daherkommt. Die insgesamt drei Teilbände stellen den Abschluß
der neuen Studienausgabe dar, die in 14jähriger Arbeit von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Zusammenarbeit
mit dem Bonner Geographen Hanno Beck erstellt wurde.
Seit 1832 ist keine vollständige deutsche Ausgabe des amerikanischen Reiseberichtes mehr erschienen, den Humboldt
auf Französisch Anfang des 19. Jahrhunderts unter dem Titel Relation Historique du voyage aux regions équinoxiales
du Nouveau Continent veröffentlicht hatte. Die bisher einzige vorliegende vollständige deutsche Übersetzung
war 1815-1832 bei Cotta erschienen. Alle späteren Ausgaben sind unvollständig und zudem schlecht übersetzt.
Zwei Atlanten, die zum französischen Original erschienen waren und aus jeweils einem Text- und Tafelband bestanden,
sind allerdings nicht in die heutige Studienausgabe übernommen worden. Ebenso ist der längere Bericht
zu Cuba aus der ursprünglichen Erzählung herausgelöst worden und als Band 3 (Cuba-Werk) der Studienausgabe
erschienen (siehe getrennte Rezension).
Hanno Beck verfaßte den Kommentar, der zwar am Ende des dritten Teilbandes steht, aber zum besseren Verständnis
trotzdem am Anfang gelesen werden sollte. Da Humboldt wenig Wert auf eine sinnvolle Gliederung gelegt und seinen
Reisebericht nur sehr spärlich mit Überschriften und vollständigen Datierungen ausgestattet hat,
hat sich Hanno Beck die Mühe gemacht, die Daten zu vervollständigen und Unterüberschriften einzufügen.
Dies steigert den Wert der Studienausgabe erheblich, den so können die LeserInnen den Reiseweg direkt weiterverfolgen,
indem sie einzelne, weit ausschweifende Schilderungen Humboldts überspringen. Anderseits können alle
Interessierte direkt auf Kapitel zu bestimmten Themen, wie z.B. den Streitigkeiten um die territoriale Abgrenzung
im Amazonas zwischen Portugal und Spanien, zugreifen.
Weniger lobenswert ist, daß der Herausgeber bestimmte Textstellen, die ihm wichtig erschienen, kursiv hervorgehoben
hat. Noch unverständlicher ist, warum Hanno Beck, nachdem Humboldt die Vernichtung der Ureinwohner der Kanarischen
Inseln, den Guanchen, durch die Spanier geschildert hatte, hinzufügen mußte: Die Guanchen gingen in
der Bevölkerung auf. Das mag ja teilweise richtig sein, nimmt aber dem Text von Humboldt jede Schärfe
und verharmlost sein bewußtes Eintreten für die Menschenrechte und gegen die Sklaverei.
Humboldt hat seinen Reisebericht leider nicht so unterhaltsam wie beispielsweise der schwedische Forscher Sven
Hedin verfaßt. Obwohl Humboldt und sein Begleiter Bonpland sicher einiges erlebt hatten, was eine derartige
Reiseerzählung gerechtfertigt hätte, verzichtet Humboldt bewußt auf verkaufsfördernde Stilmittel.
Über lange Strecken hinweg begeistert er die Geographen mit detaillierten Temperatur-, Magnetismus-, Luftdruck-
und Luftfeuchtigkeitmessungen.
Bei normalen LeserInnen kommt aber während den seitenlangen Mineralien-, Flora- und Faunatraktaten eher gähnende
Langeweile auf. Doch ab und zu kommen auch diese auf ihre Kosten.
Wirklich interessant wird es nämlich immer dann, wenn Humboldt Menschen sowie ihre Gebräuche und Sitten
schildert. So erfahren wir, daß die Chaimas-Indianer das spanische Infierno und Inverno verwechselten und
sich so nach den spanischen Predigten der christlichen Missionare die Hölle als ewig regnenden Winter vorgestellt
haben.
In Caracas stößt Humboldt bei seinem Wunsch, den Hausberg Silla zu ersteigen, auf völlige Unverständnis
der dortigen Bewohner und muß erfahren, daß dies noch nie jemand getan hat. Süffisant merkt er
dazu an, daß er in Schaffhausen Leute getroffen habe, welche den Rheinfall noch nie mit den eigenen Augen
gesehen hätten.
Alexander von Humboldts tiefe Menschenfreundlichkeit kommt immer wieder zum Ausdruck. Selbst als er von einem Zambo
am Strand überfallen und Bonpland übel niedergeschlagen wird, freut er sich darüber, daß es
dem Zambo gelungen war, bald aus dem Gefängnis zu fliehen. Beim Gedanken daran, daß zur damaligen Zeit
die Prozesse etwa acht Jahre bis zu ihrem Beginn gedauert haben, schien ihm die Flucht des Zambos vor seiner Strafe
nur gerecht.
Seiner Zeit weit voraus ist Humboldt auch in seinem konsequenten Eintreten gegen jegliche Sklaverei und in seiner
Verurteilung des Kolonialsystems. Sogar Grundsätze nachhaltigen Wirtschaftens schimmern bei seiner Schilderung
des Niedergangs des Perlmuschelfangs hindurch, aber da überschätzen wir ihn dann doch vielleicht etwas.
Die Studienausgabe schließt eine alte Lücke in der deutschsprachigen Humboldt-Forschung und lädt
dazu ein, sich noch mehr mit diesem überragenden Forscher zu beschäftigen.
Johannes Beck
Alexander von Humboldt, Studienausgabe (Hrsg. Hanno Beck), Band 2: Die Forschungsreise in den Tropen Amerikas
(3 Teilbände), Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1992, ISBN 3-534-03102-4, 3 Teilbände mit
insgesamt ca. 1.302 Seiten, Preis für alle Teilbände: 198,– DM.
Es sind nur alle Bände zusammen beziehbar; die Einzelbände können nicht separat gekauft werden.