Im Rückblick auf das vergangene Jahr läßt sich erfreulicherweise eine Verdichtung der breiten
Protestwelle auf das geplante multinationale Bauvorhaben einer Wasserstraße (Hidrovia) von den Grenzen Boliviens
bis ins La Plata Becken beobachten.
Das Mammutprojekt, das die Begradigung und ganzjährige Schiffbarmachung des zweitgrößten Flußsystems
Südamerikas vorsieht, bedroht insbesondere eines der letzten großen Feuchtgebiete unserer Erde, das
Pantanal. Das artenreiche und einzigartige Ökosystem von der Fläche Großbritanniens liegt im Herzen
des Kontinents an der brasilianisch-bolivianischen Grenze.
Die Wasserstraße, die die Stadt Cáceres (Mato Grosso) mit dem uruguayanischen Hafen Nueva Palmira
verbinden soll, hätte nach den Studien für den Wasserhaushalt katastrophale Folgen.
Wie auch die Begradigungen von anderen Flüssen wie Mississippi, Rhein und Donau zeigen, würde die Realisierung
mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Absenkung des Grundwasserspiegels und damit zur Austrocknung weiter
Gebiete des Pantanals führen.
Diese für ein Feuchtgebiet fatale Folge wird ergänzt durch eine wahre Kette von Problemen wie Erosion,
Sedimentablagerungen, Überschwemmungen, Umweltgefahren aufgrund des erwarteten dichten Schiffsverkehrs inmitten
eines Naturgebietes und die mögliche Einbuße der Lebensgrundlage für viele Einheimische durch die
Eingriffe in ihre Umwelt.
Zahlreiche Experten und Umweltschützer heben auch den Punkt hervor, daß das abgelegene und sehr dünn
besiedelte Biotop mit der Erschließung Gefahr läuft, ökonomisch interessant zu werden. Wie das
unabhängige International Rivers Network hervorhebt, werden diese Erkenntnisse auch vielfach ernstgenommen.
Brasilien kommt innerhalb des Bauvorhabens eine Schlüsselrolle zu. Sollte die Regierung zu dem Schluß
kommen, daß das Milliardenprojekt zwar den Nachbarländern Argentinien, Uruguay, Paraguay und dem „landlocked“
Bolivien nützt, Brasilien selbst aber unterm Strich schadet, könnte es schon bald endgültig gestoppt
werden. Es wird vielfach erwartet, daß in Brasilien hauptsächlich nur die Agroindustrie (speziell der
Sojaanbau) von der Wasserstraße profitieren würde. Der Tourismus dagegen, inzwischen boomender Wirtschaftszweig
der Region, könnte erhebliche Einbußen verzeichnen. Letztlich steht auch die Finanzierung des Unsummen
verschlingenden Projektes auf wackligen Füßen, insbesondere nach den vernichtenden Studien.
Die Wichtigkeit neuer und billiger Transportwege im ökonomisch wachsenden Mercosur wird von Befürwortern
nur allzu häufig unterstrichen. Dieses Argument kann hier aber nicht ernsthaft Bestand haben.
Um dem zu erwartenden Transportbedarf im Mercosur gerecht zu werden, müßte man ohnehin die Errichtung
leistungsfähiger Bahnnetze neu überdenken, gerade im Einzugsgebiet des ökologisch sensiblen Pantanals.
Auch die Bahn ist ein relativ kostengünstiges Güterverkehrsmittel und wird in Lateinamerika bekanntermaßen
noch sehr stiefmütterlich behandelt.
Es bleibt zu hoffen, daß man Staatspräsident Cardoso, der noch am 17. Dezember über das neu entwickelte
ökologische Bewußtsein seines Landes sprach, dahingehend beim Wort nehmen darf und das Megaprojekt gegen
den Widerstand der Befürworter aus Wirtschaft und Politik zu den Akten gelegt wird.
Manuel Breuer