In Guatemala gibt es seit 150 Jahren eine kleine, aber sehr einflußreiche deutsche Gemeinde. Ihr Erfolg
beginnt mit dem Kaffeeboom und ist bis heute nahezu ungebrochen. - Wer damals Deutschland verläßt, geht
mit dem Selbstverständnis des Herrenmenschen. Überzeugt davon, einer höheren Kultur anzugehören,
zwingen die deutschen Siedler Guatemala ihr Zivilisationsmodell auf. Nach wenigen Jahren besitzen sie die fruchtbarsten
Ländereien, die Infrastruktur und das Handelsmonopol. Die alten Kaffeebarone führen durch ihre Pflanzungen
und Salons, einzelne werden portraitiert, Familienchroniken ziehen sich durchs Jahrhundert. Sie zeigen alte Filme
und verblaßte Fotos. Aus ihren Gesichtern entsteht die Geschichte der Kolonisierung. Am Patrón vorbei
gleitet der Blick in den Hintergrund. Sie pflücken seit jeher den Kaffee, fegen den Hof, sortieren Kardamon
und ertragen sogar die tätschelnde Hand auf dem Kopf: die anderen, die Indígenas.
Als die deutschen Herren während des 2. Weltkrieges enteignet und in den USA interniert werden, verschwinden
die Hakenkreuze und die Zwangsgesetze von den Plantagen. Doch die großen Familien holen ihren Besitz zurück
und verstecken ihre Namen hinter anonymen Firmenschildern. Große deutsche Konzerne etablieren sich und machen
Millionengewinne. Ausgelassen und selbstbewußt führt uns die neue Generation durch ihre abgeschottete
Welt der Büros und Clubs, präsentiert stolz die positive Handelsbilanz. Die deutschen Tugenden verheißen
immer noch Erfolg. Doch dieser Erfolg ist inhaltslos und beschreibt das Ausmaß der Zerstörung, denn
der Blick ist weitergewandert. Seit der Eroberung werden die Indígenas massakriert, christianisiert, und
auch Entwicklung und Demokratie degradiert sie zu Fremden im eigenen Land. Zwei Lebensmodelle und Visionen werden
zum eigentlichen Thema des Films. Weitgehend kommentarlos beschreibt der Film Positionen dieses Jahrhunderts, die
durch die Zeiten moduliert, nicht jedoch verändert wurden. Er kreist um Fragen der Macht, der Identität,
der Zivilisation.
Daniel Bergfeld
“Aus dem Blickwinkel der Gegenwart betrachtet der Film die Geschichte und offenbart neo-kolonialistische Gesten,
welche zum Großteil die wirtschaftliche Entwicklung dieses mittelamerikanischen Landes bestimmten. Es gelingt
den Filmemachern damit eine Art “Rehabilitation” unserer Geschichte, ohne die es nie möglich sein wird, über
neue Möglichkeiten des Zusammenlebens nachzudenken. Die zahlreichen persönlichen Zeugnisse und die Auswahl
der intimen und fabulösen Bilder mit ihrem wertvollen Archivmaterial verleihen dem historischen Verständnis
menschliche Züge, die weit über das Thema und unser Land hinausgehen.”
Arte Nativas, Guatemala
Die Zivilisationsbringer - Deutschtum in Guatemala, 1997, 130 min., beta SP, Farbe/SW, deutsch/spanisch (mit dt.
UT)
Buch, Regie, Schnitt: Uli Stelzner und Thomas Walther
Kamera: Thomas Walther
Musik: Grupo Despertar Garifuna, Jacinto Coc Tec, Hans Kolter, Till Mertens u.a.
Produktion: ISKA
Samstag 14. Februar 1998, 17.00 Uhr, Off-Broadway, Zülpicher Straße 24