…weil sie das Wie und Wann ihres Todes nicht kennen, bringen manche Leute sich schließlich auf fürchterliche
Weise selber um, womit sie jede Ungewißheit beseitigen.
Ein Mensch hat seinen Bruder mit einem Sensenhieb getötet – 20 Jahre danach begeht er aufgrund der Schuldgefühle
Selbstmord. Ein anderer versucht, sich an einem Baum zu erhängen und wird durch einen Engel gerettet – dann
stürzt er sich eben von einem Felsen in den Tod. Wir erfahren nie warum. 40 Jahre lang liebte ein Mann vergeblich
eine Frau. Nun ist sie tot – er hängt sich auf. Ein Bräutigam ist impotent – in der Hochzeitsnacht stirbt
er den Freitod, die Braut folgt ihm nach.
Gibt es keinen Grund in Vila do Fogo am Leben zu bleiben? Wir wissen es nicht. Selbst die Seherin, die im Haus
am Rande des Dorfes wohnt, kann uns nicht weiterhelfen. Sie stirbt bei der Geburt ihrer stummen Tochter, die durch
eine Vergewaltigung gezeugt wurde. Selbst die Vögel singen nur, wenn wieder jemand gestorben ist.
José Riço Direitinhos Erstlingswerk präsentiert einen Reigen düsterer Geschichten aus dem
imaginären Dorf Vila do Fogo. Nach einem Zitat anderer Autoren zu Beginn ein jeder Geschichte führt er
uns jedesmal eine andere Dorftragödie vor. Fast immer ist ein Selbstmord im Spiel. Interessanterweise tauchen
hin und wieder deutsche Motive auf. So tötet sich ein ehemaliger SS-Mann, der im Dorf als Friseur gearbeitet
hat, als der alte Pfarrer, der ihm verziehen hatte, stirbt und durch einen neuen ersetzt wird. In einer anderen
Geschichte wacht ein Mann auf und entdeckt zwei dicke Bücher der Uni Hamburg über das Schicksal. Nach
seinem Tod liegt im Haus ein starker Geruch nach welken Blumen.
Die verschiedensten Gerüche ziehen sich neben den Vögeln als Leitmotiv durch das ganze Buch. Bereits
die Titel der einzelnen Erzählungen lassen dies gut erkennen: Monolog mit Melisse, Die Luft roch nach geschmolzenen
Kerzen, Bei meiner Geburt roch ich nach Thymian oder Am Morgen roch es nach Zistrosen.
Das Buch liest sich schnell und mit Vergnügen. Die deutsche Übersetzung von Boris Planer ist so gut gelungen,
daß man sie kaum als solche wahrnimmt. Auch äußerlich hat die deutsche Fassung einiges zu bieten:
Ein gut gestaltetes Cover in tiefem Blau mit silberner Schrift und festem Einband wissen das Auge zu begeistern.
In der deutschen Version sind sogar noch zwei Erzählungen mehr als in der portugiesischen Orginalausgabe,
die 1992 unter dem Titel A casa do fim erschienen ist, enthalten.
Die Förderung der Übersetzung durch das Ministério da Cultura und das Instituto Português
do Livro e das Bibliotecas zur Frankfurter Buchmesse 1997 hat sich wahrlich gelohnt. Mit José Riço
Direitinho wird uns ein hoffnungsvoller Nachwuchsschriftsteller präsentiert. Wer neben Antunes und Saramago
etwas Neues aus Portugal lesen will, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.
Johannes Beck
José Riço Direitinho, Das Haus am Rande des Dorfes (Originaltitel: A casa do fim), Übersetzung
aus dem Portugiesischen Boris Planer, Elfenbein Verlag, Heidelberg 1997, ISBN 3-932245-04-0, 144 Seiten, 32,– DM.