“Die ETA entführte gestern bei San Sebastián einen spanischen Unternehmer. Die Lösegeldforderung…”
Solche oder ähnliche Nachrichten prägen das deutsche Bild des Baskenlandes. Doch verdient die “älteste
Nation” Europas mehr als nur oberflächliche Analysen des baskischen Terrorismus.
Michael Kasper hat sich der schwierigen Aufgabe gestellt, eine umfassende Geschichte des nördlichen (zu Frankreich
gehörenden) sowie des südlichen (zu Spanien gehörenden) Baskenlandes zu schreiben. Erschwert wird
die Aufgabe noch durch den Einschluß von Navarra. Alle drei behandelten Gebiete haben in den letzten Jahrhunderten
eine sehr unterschiedliche Entwicklung durchgemacht, und dennoch schafft es Michael Kasper, uns auf knappen 200
Seiten einen guten, chronologisch gegliederten Überblick über die baskische Geschichte seit der vorrömischen
Zeit zu geben. Der Autor hat in Köln u.a. Geschichte und Spanisch studiert und ist heute Dozent an der Universidad
de Deusto in Bilbao und Lehrbeauftragter am Goethe-Institut in Guernika.
Er beginnt mit einer kurzen Einführung in die baskische Sprache und in die wissenschaftliche Beschäftigung
mit ihr. Die Abschnitte zur baskischen Vor- und Frühgeschichte bleiben recht kurz, da kaum gesicherte Daten
zu dieser Zeit vorhanden sind. Bekannt ist lediglich, daß die Basken in ständigen Konflikten mit ihren
Nachbarn lagen, über die innere Struktur dieses Volkes wissen wir hingegen sehr wenig.
Im Abschnitt zum Mittelalter werden die territorialen Verwicklungen zwischen Navarra und Kastilien nicht ganz klar.
Zu viele Zeitsprünge behindern die Übersichtlichkeit. Dafür ist jedoch der Niedergang des Königreiches
Navarra gut dargestellt.
Das Thema des folgenden Kapitels, die Fueros (Sonderrechte), zieht sich noch durch das ganze restliche Buch. Der
Autor zeigt seinen LeserInnen auf anschauliche Weise, wie sich die Fueros von einer ursprünglich fortschrittlichen
Einrichtung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in ein rückschrittliches Instrument verwandelten.
Auch der Guerrillakrieg gegen die französischen Invasoren ab 1808 und die verwirrenden Konflikte zwischen
Liberalismus und Absolutismus im Spanien des Zeitalters der Karlistenkriege sind sehr gut dargestellt.
Den wertvollsten Teil des Buches bildet jedoch der zweite Teil, der sich mit der Entstehung der modernen baskischen
Gesellschaft, ihrer Parteien und Gewerkschaften sowie des baskischen Nationalismus beschäftigt. Geradezu spannend
zu lesen, sind die turbulenten Abläufe während der zweiten spanischen Republik und des darauffolgenden
Bürgerkriegs. Exzellent geschildert hat der Autor auch das Entstehen der ETA, ihren Kampf gegen Franco und
ihre Spaltungen in mehrere Flügel.
Einen etwas chaotischen Eindruck hinterläßt dagegen der Teil zur spanischen Demokratie nach Franco.
Eine Partei, die EAJ-PNV in Navarra, verschwindet, und eine neue Partei, die navarresische UPN, taucht plötzlich
auf, ohne, daß erklärt wird warum.
Michael Kaspers Geschichte der Basken berücksichtigt bereits den Anti-Terror-Krieg, welchen die spanische
Regierung mit Hilfe der sogenannten GAL (Grupos Armados de Liberación – Bewaffnete Befreiungsgruppen) gegen
die ETA geführt hat. Die letzten geschilderten Ereignisse datieren vom tober 1996: Eine solche Aktualität
ist für ein Geschichtsbuch nicht selbstverständlich.
Den Abschluß bilden eine Zeittafel und eine Überblickskarte, auf der leider viele der im Text erwähnten
Orte nicht eingezeichnet sind. Schade, daß kein Index enthalten ist, dies würde den praktischen Wert
des Buches noch erhöhen.
Das Fazit fällt überwiegend positiv aus: Die Baskische Geschichte ist bis auf ein paar Fremdwörter
wie “Transhumanz” durchweg gut verständlich und unterhaltsam geschrieben und schließt eine wichtige
Lücke in der deutschsprachigen Literatur zum Baskenland.
Johannes Beck
Michael Kasper, Baskische Geschichte, Primus Verlag, Darmstadt 1997, ISBN 3-89678-039-5, 231 Seiten, 39,80 DM.