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-Argentinien: Land der Peripherie?-

Eine provokative Frage...

und eine aktuelle dazu

Seitdem vor einigen Jahrzehnten unter der Federführung lateinamerikanischer Sozialwissenschaftler der Doppelbegriff von „Zentrum“ und „Peripherie“ entwickelt wurde, zieht sich diese Fragestellung wie ein roter Faden durch viele Analysen und Einschätzungen Argentiniens.

Zu Anfang dieses Jahrhunderts schien die Antwort schon einmal vorzuliegen. Geradezu sagenhaft reich die natürlichen Ressourcen, ein relativ hoher Bildungsstand zumindest in den städtischen Zentren, endlich ein vermeintlich dauerhaftes politisches System und nicht zuletzt die großen intellektuellen Leistungen, all das sprach dafür, daß die „Peripherie“ allenfalls geographisch betrachtet zutraf. Durch die Erschütterungen der Militärdiktatur und die Hyperinflation hat diese Gewißheit einen schweren Schlag erlitten.

Am Ende des 20. Jh. steht Argentinien also vor neuen ... Herausforderungen, die ein Überdenken überkommener Strukturen erforderlich machen, um seine Zukunft in einer zunehmend globalisierten Welt zu gestalten.

Provokativ und aktuell ist die Frage auch, weil die Regierung Menem das Land zur „Ersten Welt“ rechnet. Ob und wenn ja, inwieweit, warum dies in welchen Bereichen doch (noch?) nicht der Fall ist und welche Bedingungen erfüllt sein müßten, wenn doch - darüber haben sich viele namhafte argentinische und deutsche Wissenschaftler und Literaten ihre Gedanken gemacht.

Dabei entstanden 25 Beiträge, betrachtet aus den verschiedensten Blickwinkeln. Unterteilt wird in die Bereiche Kultur, Politik, Recht, Wirtschaft und Gesellschaft, Bildung, Zusammenarbeit und Regionalentwicklung. Auch die Folgen des Staatsterrorismus bleiben nicht ausgeklammert, hier wird die Rolle der Kirche näher beleuchtet. Spürbar steht hinter jedem Aufsatz die Intention der Herausgeber, die AutorInnen zu einem interdisziplinären Gespräch anzuregen und zu einer tiefen Reflexion der problematischen historischen Identität Argentiniens zu führen.

Ein lobenswerter Ansatz, der geradezu nach regionalwissenschaftlicher Leserschaft schreit. Da schreibt der Philologe Oswaldo Guariglia Zur Lage der Philosophie seit der Wiedererlangung der Demokratie , die Literaturkritikerin María Rosa Lojo nimmt Stellung zu „Zivilisation und Barbarei“ und „ Zentrum und Peripherie“ in der argentinischen Erzählliteratur, ein Beitrag zum Parteiensystem und Regierbarkeit im argentinischen Präsidentialismus von Bernhard Thibaut fehlt ebensowenig wie der unvermeidliche Artikel MERCOSUR-Sprungbrett zum Weltmarkt? von Klaus Eßer.

Ein besonderer Leckerbissen ist die Arbeit der Juristin María Luisa Bartolomei: Die Auswirkungen der Straflosigkeit in der politischen, sozialen und der Rechtskultur Argentiniens. Eine knapp formulierte, scharfsinnige Analyse, die es auf den Punkt bringt. Sie stellt unter anderem fest, daß Straflosigkeit ... die Kaution [ist], die gegeben wird, damit sich die Menschenrechtsverletzungen erneut wiederholen.

Dem Leser wird also ein breit gefächertes Spektrum geboten, und wer Abwechslung zwischen all den wissenschaftlichen Texten sucht, dem sei abschließend Ernesto Garzón Valdés‘ Abschied vom argentinischen Wunder empfohlen, der als 40seitige, originelle Einleitung den äußeren Rahmen dieses Sammelbandes absteckt.

Anhand der Biographie einer mehr oder weniger fiktiven Person, Félix Ahumada, beschreibt der ehemalige argentinische Diplomat mit spitzer Feder den schmerzhaften Gang eines überzeugten Liberalen durch die Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das ergibt ein sehr subjektives, aber durch zahlreiche Zitate, Quellen- und Datenangaben auch belegbares Bild des Landes und ist wunderbar bissig geschrieben.

Eine durchaus lohnende Anschaffung!
Alexandra Geiser

Rafael Sevilla/Ruth Zimmerling (Hrsg), Argentinien: Land der Peripherie?, Edition Länderseminare, Horlemann Verlag, Bad Honnef 1997, ISBN 3-89502-071-0, 421 Seiten, ca. 48 DM.

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Diese Seite wurde erstellt von Jutta Wasserrab und Johannes Beck am 13.03.98