Portugals einstiger Weltruhm schrumpft auf die Größe eines schwarzen und morastigen Landgutes
in Palmela.
Terrorisiert vom eigenen Hausherrn, genannt der Minister, und heimgesucht von dessen politischem Vater Salazar
ist es eine Stätte unendlicher Erniedrigung und Brutalität. Hier wird bei Tee und Gebäck über
Leben und Tod politischer Gegner entschieden. Sexuelle Gewalt ist die einzige Begegnungsform zwischen Hausherr
und weiblichen Angestellten. Doch ungeachtet dessen wird um die Gunst des Patrons gebuhlt, alle ohne Ausnahme gliedern
sich ein in den Reigen der Speichellecker, um selbst einen Platz an der Sonne zu ergattern.
Doch wie einst der Glanz der Stadt Palmela durch den Aufstieg Setúbals verblaßte, so sind auch die
Tage des gespenstischen Landgutes gezählt. Der politischen Umbruch wird alten unverbesserlichen Großgrundbesitzern
zum Genickbruch, ausschließlich Wendehälse und skrupellose Kapitalisten überleben. Die Verlierer
enden in einer Fabrik für Tattergreise und vegetieren stumpfsinnig vor sich hin. Allein ihre Selbstherrlichkeit
vereitelt die späte Einsicht.
Mahlers fünfte Sinfonie diente als Grundlage für die Komposition des Romans, der 1996 in Portugal erschienen
und zur vergangenen Frankfurter Buchmesse übersetzt wurde. Musikalisch ist der Wechsel von Bericht und Kommentar,
musikalisch ist ebenso Antunes Sprache mit ihren unvergleichlichen Bildern.
19 Erzähler stimmen ein in den Chor von Rechtfertigung und Täuschung ihres Gegenübers. Was sich
anbahnt ist jedoch kein harmonischer Gesang. Dissonantes Stimmengewirr, Widersprüche, Lügen und Wahrheiten,
welche nicht unterschieden werden können, lösen die eindeutige Stimme des auktorialen Erzählers
ab. Jeder hat seine persönliche Version einer gemeinsamen grotesken Geschichte, in deren Mittelpunkt immer
der Minister steht. Wie Puzzleteile fügt sich der Roman zusammen. Und trotzdem bleibt dem Leser am Ende kein
glaubwürdiges Ganzes.
Die Berichte vermitteln den Anschein objektiver Information. Eine Irreführung, denn wie die Kommentare sind
sie Plattform für subjektive Meinungsäußerungen und Bewertungen.
Ein Autor schreibt wirklich gut, wenn er in der Lage ist, das auszudrücken, was nicht vorhanden ist und
man dabei trotzdem spürt, was er sagen will (António Lobo Antunes im Interview mit dem Bücherjournal).
Auch wenn der Romancier dies erst in seinem jüngsten Roman O Esplendor de Portugal mit einer völlig neuen
Erzähltechnik auf die Spitze der Perfektion treiben möchte, ist es im Handbuch der Inquisitoren schon
gelungen. Die Personen entlarven sich selbst, indem sie Wichtiges auffällig unauffällig unter den Tisch
kehren, zu häufig ihre Unschuld beteuern. Ihre Angst und Trauer, ihre Freude wird unentwegt zwischen den Zeilen
deutlich.
António Lobo Antunes verarbeitet vorwiegend portugiesische Themen: die Ära Salazar, den Kolonialkrieg,
Nelkenrevolution und das heutige Portugal. Nichtsdestotrotz ist dieses Buch nicht ausschließlich für
Portugal gültig. Der Autor rechnet ab mit der Absurdität einer Zeit indem er ihre Absurdität überspitzt.
Deshalb treibt der Dünkel Salazar und seinen Major, Direktor der Geheimpolizei PIDE, zu dem absurden Versuch,
die Raben auf dem Landgut zum Gehorsam zu zwingen. Der anmaßende Vorstoß endet in einem bewaffneten
Überraschungsangriff auf die ahnungslosen Vögel. Kritisiert werden jedoch nicht ausnahmslos die Drahtzieher
der damaligen Zeit, sondern alle, welche mit ihrer stillen Beteiligung ebenso zu den grausamen Folgen beigetragen
haben. Entblößt wird eine ganze Gesellschaft, die, ob reich, ob arm, nach oben buckelt und nach unten
tritt.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft liegen auf einer gemeinsamen Ebene. Man kann sie kaum, manchmal gar nicht
voneinander unterscheiden.
Nur Gegenstände (z.B. Mikrowelle) werden zum Schlüssel für die zeitliche Abfolge, doch sind sie
äußerst sparsam verwendet. Die Beschäftigung mit der Psychoanalyse habe ihm diese Darstellung der
Zeit erst möglich gemacht. Der chronologische Ablauf ist gänzlich verschwunden, die Erzähler bedienen
sich der Zeit. Als Überlegener greift man gerne in die Zukunft, als Unschuldslamm überwiegend in die
Vergangenheit.
Antunes Personen indes bleiben ungeachtet der Zeit durchweg dieselben widerlichen Spießbürger. Nelkenrevolution
und Demokratie konnten an den Menschen nichts verändern, nur einige wenige sind von der politischen Bühne
gefegt worden. Vielmehr stellt sich heute, wer gestern noch politische Gegner folterte, lauthals hinter den demokratischen
Rechtsstaat.
Zu lange ist António Lobo Antunes nur von kleinen Kreisen geschätzt worden. Die diesjährige Frankfurter
Buchmesse hat mit dem Schwerpunkt Portugal seine Leserschaft entschieden erweitern können. Der Autor zählt
zu Recht zu den Weltliteraten. Wann wird diesem Mann endlich der Nobelpreis verliehen?
Jutta Wasserrab
António Lobo Antunes, Das Handbuch der Inquisitoren, Luchterhand Literaturverlag, München 1997,
ISBN 3-630-86967-X, 460 Seiten, 48 DM.