61% der Landbevölkerung Lateinamerikas gelten laut der CEPAL als arm und dennoch konzentrierten sich in
den letzten Jahrzehnten die internationalen Bemühungen hauptsächlich auf den Kampf gegen die städtische
Armut. Erst nach dem Massaker im Jahr 1996 an Aktivisten des MST (Movimento Social dos Trabalhadores Rurais Sem
Terra) in Eldorado do Carajás (Pará, Brasilien) gelang die Landlosenproblematik in Lateinamerika
wieder auf die politische Tagesordnung.
So widmet sich die 21. Ausgabe der Reihe Lateinamerika Analysen und Berichte aus dem Horlemann Verlag dem Thema
Land und Freiheit. Wie üblich teilt sich das Buch in zwei Hälften: Im ersten Teil, den Analysen, befassen
sich verschiedene Artikel mit dem Titelthema, während im zweiten Teil, in den Berichten, über die Entwicklung
in ausgewählten Ländern Lateinamerikas informiert wird.
Am Anfang des Buches steht ein plakativ verfaßtes Editorial, welches teilweise in Polemik abgleitet. So wird
beispielsweise der “neoliberalen Heilslehre” vorgeworfen, sie verteidige neben Globalisierung und Freihandel –
was soweit auch völlig richtig ist – die Subvention von Agrargütern in den nördlichen Industriestaaten,
um, wie in den “Hochzeiten des klassischen Imperialismus”, den Ländern der Dritten Welt erneut die Rolle als
Rohstofflieferanten zuzuweisen. Laut neoliberaler Denkweise, dazu mag man stehen wie man will, werden Subventionen
jeglicher Art entschieden abgelehnt, und dazu gehören sicher auch die EU-Agrarsubventionen. Vielleicht sollten
die HerausgeberInnen sich vor der nächsten Ausgabe überlegen, ob sie sich weiter an der unüberlegten
inflationären Verwendung des Begriffes neoliberal als Totschlagargument beteiligen wollen.
Dagegen gibt der erste Artikel im Analyseteil einen ausgewogenen Überblick über die rechtlichen und politischen
Probleme der Ernährungssicherheit. Weder das Weltmarktmodell der Weltbank noch das Autarkiemodell werden von
Michael Windfuhr pauschal abgeurteilt und es weist darauf hin, daß trotz der durch die Globalisierung verursachten
Probleme einige Mißstände nationalen Politiken zuzuordnen sind.
Anschließend schildert Ute Schüren den langen Abschied Mexikos von seiner Agrarreform. Der sehr gute
Artikel überzeugt besonders durch seine Bibliographie. Ergänzt wird dieser Beitrag noch durch einen speziellen
Aufsatz zur Situation in Chiapas.
Der nächste Beitrag von Thomas Fatheuer zur Agrarreform und sozialen Bewegungen in Brasilien hinterläßt
dagegen einen unausgegorenen Nachgeschmack.
Neben einem schlechten Aufbau fällt besonders negativ ins Gewicht, daß der Gegensatz zwischen dem MST
und den Landarbeitergewerkschaften überbetont wird. Dies ist sicher nicht der springende Punkt in der Agrarfrage
Brasiliens. Statt harte Fakten zur Landverteilung zu präsentieren, ergießt sich Fatheuer in Sätze
wie: “In postmodernen Zeiten bedeutet vergessen und immer wieder darüber reden keinen Widerspruch.”
Am Artikel zu El Salvador gefällt besonders, daß die Umweltproblematik hervorgehoben wird. Ein ab und
an etwas holperig übersetzter Beitrag von Carmen Diana Deere gibt eine gute und detaillierte Schilderung des
Wandels im kubanischen Agrarsektor. Die LeserInnen können sich anhand einer Tabelle sogar über die Lebensmittelpreise
auf den Schwarzmärkten in Havanna informieren.
Was aber haben Artikel wie “Das Leben in den Bürgerkriegsgebieten Perus nach der Vertreibung des Sendero Luminoso”
und “Indigene Spiritualität und Volkswiderstand” im Analyseteil zu suchen? Besonders das ich-bezogene, esoterisch
eingefärbte Betroffenheitsgeschwafel aus dem zweiten Artikel hätte in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung
zur Landproblematik in Lateinamerika nichts zu suchen gehabt. Vielleicht wäre es besser gewesen, Papier zu
sparen und die LeserInnen mit Sätzen wie folgendem zu verschonen: “Eine permanente spirituelle Revitalisierung,
die in einem holistischen Bewußtsein (aus dem Christentum und/oder vorchristlicher indigener Religiösität)
wurzelt, das auf eine Weise von der Bruchlosigkeit und dialektischen Ganzheitlichkeit von diesseitigem und jenseitigem
Leben, von Gut und Böse, von Natürlichem und Übernatürlichem ausgeht, wie es für die christlich
erzogenen westlichen Mittelschichten, denen auch ich angehöre, kaum nachvollziehbar ist.”
Statt dessen fehlen Artikel über Argentinien und Uruguay, die eine grundsätzlich andere Agrarstruktur
aufweisen als die beschriebenen Länder. Dies überrascht um so mehr, da Argentinien einer der weltweit
größten Getreideproduzenten ist. Es wäre interessant gewesen, die argentinische Situation mit der
Lage in Ländern wie Bolivien oder Brasilien zu vergleichen.
Vom argentinischen Ökonomie-Professor Jorge Schvarzer stammt der erste Beitrag im Berichteteil zu Argentinien.
Seine scharfsinnige Analyse der argentinischen Politik seit Menem ist der Höhepunkt des Buches. Aber auch
Barbara Fritz weiß in ihrem guten Artikel zu Brasilien zu überzeugen. Ihrer Meinung nach hätte
sich der MST bereits auflösen können, wenn die Regierung Fernando Henrique Cardoso genausoviel Kraft
in die Agrarreform gesteckt hätte wie in den eigenen Machterhalt.
Elmar Römczyk legt seine Finger in die Wunden des chilenischen Erfolgsmodells, wie z.B. die drohende Vernichtung
des letzten Primärwaldes durch die alles andere als nachhaltig wirtschaftende chilenische Forstwirtschaft.
Allerdings betont er zu sehr die Gefahren eines erneuten Tequila-Effektes für Chile, da gerade dieses Land
durch relativ strikte Auflagen für kurzfristig angelegtes ausländisches Kapital und durch eine hohe interne
Sparquote besonders gut gewappnet ist.
Weitere Aufsätze schildern gekonnt das Durcheinander der dominikanischen Caudillos, die Entwicklung Guatemalas
seit dem Friedensabkommen, das Ende der sandinistischen Dominanz in Nicaragua und die Schwierigkeiten beim Aufbau
eines demokratischen Staates in Haiti. Gerhard Dilger kann sich in seinem sehr gelungenen Artikel über Kolumbien
eines süffisanten Kommentars zum Fall des bei Kontakten zur kolumbianischen Guerrilla aufgeflogenen deutschen
Agenten Werner Mauss nicht erwehren.
Als Schmankerl gibt es am Schluß einen Artikel zum Verhältnis zwischen der afroamerikanischen und hinduamerikanischen
Bevölkerung des eher selten behandelten Karibikstaates Trinidad und Tobago.
Lobenswert ist, daß im Vergleich zur Ausgabe 20 der Analysen und Berichte kurze Zusammenfassungen der Artikel
auf Spanisch und Englisch dazugekommen sind. Als Fazit läßt sich feststellen, daß der Berichteteil
voll und ganz überzeugt, während sich im Analyseteil viel Licht und Schatten abwechseln. Zum Schluß
noch ein kleiner Lichtblick: Das Buch kostet nur 29,80 DM.
Johannes Beck
Lateinamerika Analysen und Berichte 21: Land und Freiheit, Horlemann, Bad Honnef 1997, ISBN 3-89502-070-2,
288 Seiten, 29,80 DM.