Inwieweit sind politische Institutionen wie der Präsidentialismus für das Scheitern oder Gelingen demokratischer Systeme verantwortlich? Kann man die Erfolgschancen einer Demokratie an ihrem Regierungssystem festmachen? Um diese Fragen dreht sich der 5. Band der von Dieter Nohlen herausgegebenen Reihe “Politische Organisation und Repräsentation in Amerika”. Nohlens Mitarbeiter und Autor Bernhard Thibaut vergleicht die historischen Erfahrungen von Argentinien, Brasilien, Chile und Uruguay mit dem Präsidentialismus.
Im ersten Kapitel des Buches gibt er eine allgemeine Einführung in institutionelle und anti-institutionelle Erklärungsmuster für das Scheitern von Demokratien, darauf folgt ein Überblick über die Präsidentialismuskritik. Hier stellt er auch die USA als “Mutterland” des modernen amerikanischen Präsidentialismus vor. Kapitel 3 und 4 betrachtet die geschichtlichen Erfahrungen mit diesem Regierungssystem in den vier Ländern vor bzw. nach der Redemokratisierungswelle in den 80er Jahren. Das letzte Kapitel versucht dann die in der Länderanalyse gewonnen Erkenntnisse auf die allgemeinen Theorien aus Kapitel 1 und 2 anzuwenden.
Bereits die sehr theoretisch angehauchte Einleitung läßt für die beiden allgemeinen Kapitel nichts Gutes erahnen. An der - zugegebenermaßen schwierigen - Aufgabe, politikwissenschaftliche Theorien allgemeinverständlich zu formulieren, scheitert der Autor. Zu viele Zitate versperren den Blick auf das Wesentliche. Da dieses Buch das Ergebnis einer Dissertation ist, drängt sich der Verdacht auf, daß einige Autoren noch unbedingt zitiert werden mußten. Weniger wäre hier mit Sicherheit mehr gewesen. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Theorien werden durch die vielen Zitate verwischt: Nachdem Thibaut im zweiten Kapitel zum Ergebnis gelangt ist, daß eine pauschale Kritik am Präsidentialismus nicht gerechtfertigt sei, analysiert er die einzelnen südamerikanischen Länder. Im Gegensatz zu den ersten beiden Kapiteln ist dieser Teil wirklich gut gelungen. Er schreibt gut lesbar und zeitweise macht es richtig Spaß seinen Schilderungen zu folgen. Es gelingt ihm zu zeigen, daß Demokratiekrisen in erster Linie nicht durch institutionelle Gegebenheiten verursacht werden.
Im fünften und letzten Kapitel legt Thibaut seine Schlußfolgerung aus der Länderanalyse dar. Eine oberflächliche Präsidentialismuskritik greife zu kurz. Wichtiger seien Details der einzelnen politischen Institutionen, besonders das Parteiensystem. Er meint, daß Verbesserungen bei einem Übergang zu einem parlamentarischen System nicht wahrscheinlich gewesen wären.
Außer den allgemeinen Kapiteln und der etwas mißglückten brasilianischen Rechtschreibung handelt es sich um ein gut gelungenes Buch. Das Herzstück dieser Studie, die Länderanalyse, überzeugt rundum und macht dieses Buch empfehlenswert.
Johannes Beck
Bernhard Thibaut, Präsidentialismus und Demokratie in Lateinamerika, Politische Organisation und Repräsentation
in Amerika Band 5, Leske + Budrich, Opladen 1996, ISBN 3-8100-1705-1, 376 Seiten, 68,- DM