Jahrelang war es eigentlich nur die Fachschaft gewesen, die Konzepte zu einer Studienreform RWL ausarbeitete. Letztes Semester begannen endlich die Gespräche zur Reformierung unseres Studienganges. Nach langer Zeit kam der Prüfungsordnungsausschuß RWL zusammen, der bekannterweise keine studentischen Mitglieder besitzt. Der Ausschuß beschloß, zum Ziel der Studiengangreform eine Kommission zu bilden, der auch zwei studentische Vertreter angehören sollten (Sérgio Barreira und der Autor dieser Zeilen).
Im Wintersemester 1996/97 trat diese Kommission dann zweimal zusammen. Als Arbeitsgrundlage wurde unser Vorschlag (siehe letzte Portuñol) genommen. Andere vollständige Konzepte für den Studiengang hatte bis dahin sonst niemand vorgelegt.
Zur Erinnerung: Unser Vorschlag sah die Beibehaltung der vier bisherigen Fächer vor. Ein Fach sollte als Wahlbereich gewählt werden. Hier wären dann weitere Scheine und Prüfungen zu erbringen und die Diplomarbeit zu schreiben gewesen. Gestrichen hatten wir lediglich den sprachwissenschaftlichen Teil, da sich dieser am schlechtesten in unseren Studiengang integriert und auch bisher nur im Grundstudium vorgesehen war.
Im Laufe der Diskussion kamen jedoch Einwände von Professor Rettig, die folgende Punkte betrafen: 1. Ein Umfang von 4 Prüfungen in VWL als Pflichtbereich sei nicht berufsqualifizierend. RWL jedoch ein berufsqualifizierender Diplomstudiengang und ergo muß dieser Vorschlag abgelehnt werden. 2. Es mache überhaupt keinen Sinn, weniger als 7 Prüfungen oder Scheine in VWL zu absolvieren. Besser wäre es, man lasse es gleich bleiben. 3. Die ProfessorInnen jedes Fachs würden bei der Bewertung unseres Vorschlages von StudentInnen ausgehen, die das Fach zum Schwerpunkt wählen, und nicht von den anderen, die nur den geringeren Pflichtteil absolvieren. Im Durchschnitt könnten aber nur je 25% der RWLerInnen jedes Fach als Schwerpunkt wählen. 4. Es wäre doch auch möglich, statt Politik etwas anderes, z.B. Wirtschaftsgeographie oder Verkehrswissenschaften zu machen.
Sein Gegenvorschlag war dann, in der Philosophischen Fakultät 11 der 20 nach dem Eckdatenerlass zugelassenen Prüfungselemente (=Scheine oder Prüfungen) zu machen und in der WiSo 7 in der VWL und die restlichen 2 in einem Wahlpflichtfach zu absolvieren.
Diese Wahlpflichtfächer der WiSo werden von VWL- oder BWL-Studenten im Hauptstudium absolviert und umfassen immer 14 Semesterwochenstunden, ein Hauptseminar und eine Diplomprüfung. Es kann in ihnen auch die Diplomarbeit geschrieben werden. Wahlpflichtfächer sind z.B. Soziologie, Verkehrswissenschaften, Genossenschaftswesen, Rundfunkökonomie, Energiewirtschaft, Wirtschaftsgeographie und neben weiteren anderen Gebieten auch Politik. Hier beginnt der Studierende mit einem Hauptseminar und schreibt dann eine Diplomprüfung.
Hier setzte auch die Kritik der Fachschaft an diesem Vorschlag an. Dies würde bedeuten, Politik zum freiwilligen Wahlfach zu degradieren und damit die bisherige Konzeption des Studienganges, nämlich eine interdisziplinäre Kombination aus Geschichte, Romanistik, Politik und Volkswirtschaftslehre, zu beenden. Gerade die Kombination von Politik und Volkswirtschaftslehre halten wir für besonders fruchtbar. Besonders in Lateinamerika trifft dies in erhöhtem Maße zu, da hier in starkem Maße politische Entscheidungen von wirtschaftspolitischen Zielen und makroökonomischen Einschätzungen geprägt sind. Ein Verständnis für politische Zusammenhänge und die Funktionsweise von politischen Systemen ist unserer Meinung nach auch im Gegenzug für die volkswirtschaftliche Betrachtung des Kontinents von Vorteil, besonders im Bereich Wirtschaftspolitik. Es ist der Verlust von Synergieeffekten innerhalb unseres Studienganges zu befürchten. Das Kernelement des Studiengangs, die Interdisziplinarität, wird somit stark reduziert. Auch in Geschichte kann viel von VWL und Politik profitiert werden, besonders im Bereich Wirtschaftsgeschichte und politische Geschichte. Diese Entscheidung, so unsere Argumentation, ist ein Rückfall in das alte Scheuklappendenken der einzelnen Fächer, die Regionalwissenschaftler immer nur unter dem Gesichtspunkt bewerten, was sie in “ihrem” Fach leisten.
Fraglich ist auch, wieso ausgerechnet Politik mit lediglich zwei Prüfungselementen studierbar sein soll und VWL mit 4 oder 5 nicht. Zudem sollte nach diesem Modell Politik erst im Hauptstudium beginnen. Wenig wahrscheinlich, daß ohne Proseminare und Vordiplomprüfungen ausreichende Qualifikationen für eine Diplomarbeit im Bereich Politikwissenschaften erworben werden können. Politik ist eben nicht mit Rundfunkökonomie zu vergleichen. De facto kam dieser Vorschlag auf eine Abschaffung von Politik als integraler Bestandteil von RWL hinaus. Das reformierte Fachschaftsmodell In der weiteren Diskussion wurde dann unser Modell (siehe letzte Portuñol) nach der Formel 7+4+4+4+1 umgestaltet. Dies soll heißen: 7 Prüfungselemente im Schwerpunktfach, 4 in den drei anderen Fächern und ein Prüfungselement zusätzlich für Romanistik aufgrund des Spracherwerbs.
Auf der zweiten Kommissionssitzung Ende letzten Semesters war dieses reformierte Fachschafts-Modell dann auch Konsens zwischen allen Beteiligten. Auch Herr Rettig hatte, wenn auch mit Vorbehalten, zugestimmt.
Am 12. Mai fand dann eine Sitzung des Prüfungsausschusses statt, auf der eine Vorentscheidung bezüglich der beiden zur Auswahl stehenden Modelle getroffen wurde. Zu diesem Tagesordnungspunkt wurde, obwohl anfangs nicht vorgesehen, eine beratende Teilnahme der Studierenden erlaubt. Die Entscheidung fiel zugunsten eines abgewandelten Rettig-Modells aus. Als Neuerung im Vergleich zu seinem alten Modell wurde die Möglichkeit eingeführt, Politik statt VWL zu wählen.
Das somit beschlossene Modell sieht folgendes vor: 1. An der Philosophischen Fakultät sollen 11 Prüfungselemente erbracht werden, diese sind noch zwischen Romanistik und Geschichte aufzuteilen. 2. Entweder Politik oder VWL sind als Hauptbereich an der WiSo zu wählen. Das gewählte Fach soll mit je 7 Prüfungselementen studiert werden. 3. Dazu kommt jeweils noch eines der oben beschriebenen Wahlpflichtfächer der WiSo mit 2 Prüfungselementen (z.B. Verkehrswissenschaft, Soziologie, oder anderes). Ein Katalog der möglichen Kombinationen mit Politik oder VWL ist noch festzulegen. Nicht möglich wird es sein, zu Politik statt dem Wahlpflichtfach Prüfungen oder Scheine im Bereich VWL zu machen (z.B. die beiden Vordiplome VWL A und B).
Zukünftige Studienanfänger müssen sich zu Beginn ihres Studiums für RWL- Volkswirtschaft oder RWL-Politik entscheiden. Wählt man RWL-Volkswirtschaftslehre, so bleibt einem die Möglichkeit, im Hauptstudium als Wahlpflichtfach Politik zu wählen. Dies ist jedoch nur im Umfang von einem Hauptseminar, einer Diplomprüfung und eventuell der Diplomarbeit möglich. Wählt man jedoch RWL-Politik, so bleibt der Weg zur Grundausbildung in der VWL (z.B. Mikro und Makro) versperrt. Übrig bleiben als Wahlpflichtfach Soziologie oder die wirtschaftswissenschaftlichen Sondergebiete wie Wirtschaftsgeographie, Genossenschaftswesen oder Rundfunkökonomie.
Johannes Beck