Von Lima aus erreicht man über den Pan-American Highway nach ca. 450 km das Städtchen Nasca im trockenen und sandigen Wüstenstreifen zwischen Pazifikküste und der Andenkordillere Perus. Der Name dieses recht unbedeutenden Orts ist dennoch ein Begriff: 20 km nördlich breiten sich rechts und links der Panamericana riesige in den steinigen Wüstensand gezogene Linien aus, die zweifellos zu den geheimnisvollsten Spuren präkolumbischer Zeit zählen. Diese teils kilometergroßen Parallelen und geometrischen Gebilde sind durchsetzt von figürlichen Zeichnungen, darunter Vögel, ein Hund, ein Affe, ein Walfisch, eine Spinne und stilisierte Pflanzen. Die Größe dieser Bilder schwankt zwischen 40 und 285 Metern. Diese gigantischen Ausmaße lassen erahnen, daß es schier unmöglich ist, die Figuren vom Boden aus zu betrachten. Selbst von umliegenden Bergen aus läßt sich nur ein kleiner Teil der bearbeiteten Fläche von schätzungsweise 350 Quadratkilometern in perspektivisch verzerrter Darstellung beobachten. Aufgrund dieser Schwierigkeiten wurden die Linien erst in unserem Jahrhundert aus Flugzeugen entdeckt. Die Betrachtung aus der Luft ist auch heute für Besucher die einzige Möglichkeit, sich die Scharrbilder in ihrer Ganzheit und Vollständigkeit zu erschließen.
Die Linien und Bilder werfen der Wissenschaft noch immer ungelöste Fragen auf. Relativ gesichert ist nur, daß sie von der Paracas- und der Nasca-Kultur sowie von Siedlern aus Ayacucho erstellt wurden und ein Alter zwischen 1500 und 2500 Jahren aufweisen. Das extrem trockene Klima dieser Region und die dünne Besiedlung konservierten die Linien ganz hervorragend bis in unsere Zeit. Nur eine Figur ist beim Bau der Panamericana in Teilen zerstört worden. Jedoch wurden unzählige Spekulationen über Entstehung und Sinn der Scharrbilder aufgestellt. Die Palette reicht von der plausiblen Lösung eines astronomischen Observatoriums über sakrale Pfade bis hin zu Landebahnen für außerirdische Raumfahrzeuge. Vielfach anerkannt ist die These von Dr. Maria Reiche, einer deutschen Mathematikerin, die fast ihr ganzes Leben der Erforschung der Linien gewidmet hat und schließlich die peruanische Staatsbürgerschaft sowie höchste peruanische Ehren verliehen bekam. Sie sieht den Komplex als Kalendarium gigantischen Ausmaßes mit eingebetteten astronomischen Zeichen. Besonders ausführlich untersuchte sie das Scharrbild des Affens (90 Meter) und entdeckte eine mathematisch exakt unterlegte Relation mit dem Sternbild des Großen Bären. Der Affenkörper und sein spiralförmiger Schwanz sowie die Hände mit vier und fünf Fingern wurden nach Maria Reiche von der Nasca-Kultur benutzt, um die Jahreszeiten und den Beginn der Regenzeit zu bestimmen, wichtige Daten für die Landwirtschaft und damit für das Überleben der damaligen Bevölkerung.
Auch die Erstellung solch riesiger und dennoch präziser Figuren erstaunt den Besucher, der hoch über dem Wüstensand in engen Propellerflugzeugen steil kreisend mit der Übelkeit kämpft. Wie war es möglich, diese riesigen Figuren, die erst aus 200 Metern Höhe ihre Form offenbaren, aus der Bodenperspektive zu produzieren, ohne dabei den Blick für das Ganze zu verlieren? Verständlich, daß die These kursiert, die Nascas beherrschten die hohe Kunst des Fliegens in Heißluftballons. Es ist jedoch mehr als unwahrscheinlich, daß solche Fähigkeiten damals nicht auf breiter Front dokumentiert wurden und wieder verloren gingen. Darum ist die exakte mathematische Skalierung viel wahrscheinlicher. Die Nascas hatten sich wohl damit abfinden müssen, ihre Werke nie betrachten zu können, aber warum auch, das Kalendarium hatte mit Gewißheit gleichermaßen eine religiöse Bedeutung, und die Götter, die es betraf, saßen hoch oben im Himmel.
Manuel Breuer