Zwei Milliarden Menschen auf der Südhemisphäre leiden an Mangelernährung; als Folge davon werden sie krank und das ist nicht nur in armen Ländern der Fall. In hiesigen Breitengraden hat Fehlernährung jedoch ein ganz anderes Gesicht. Davon hat jeder schon gehört, die Bilder von hungernden (und fehlernährten) Menschen sind ebenfalls bekannt. 800 Millionen Menschen, grob geschätzt, hungern, obwohl mit den vorhandenen natürlichen Ressourcen die gesamte Weltbevölkerung ernährt werden könnte. Auch das ist nicht neu. Fachliteratur zum Thema Welternährung, detailliert, aus vielen Blickwinkeln, von Spezialisten zu Papier gebracht, ist in Menge vorhanden.
Und zugegeben, die so offensichtlich gestellte Pose der glücklich lächelnden, gut ernährten Indiofamilie der kleinen “Entwicklungsidylle” auf dem Titelblatt nimmt mich auch ebensowenig für das Buch ein wie die weisen Sprüche und Gebete tiefsinniger Kirchengrößen, die einem beim Lesen immer mal wieder unterkommen. Wer das nicht erträgt, nehme das Buch gar nicht erst zur Hand. Untergliedert wird in zwei Teile, wobei der zweite sich mit Misereor-Projekten in einigen Ländern beschäftigt, und dort ist auch Platz für grandiose Selbstdarstellung; dort tummeln sich papstanhängliche Frohe-Botschaft-Bringer und Solidaritätsfastende. Interessanter ist der erste Teil, der aus Beiträgen verschiedener Autoren besteht, die sich jeweils kurz mit der Problematik in einem Land oder zu einem einzelnen Thema beschäftigen. So ist auch das Niveau sehr unterschiedlich. Da erklärt K.T Chandy SJ, indischer Jesuit und Leiter einer Partnerorganisation von Misereor auf knappen sechs Seiten warum die Grüne Revolution in Indien gescheitert ist. Mit der Frage, ob die Bio- und Gentechnologie weltweit zur Ernährungssicherung beiträgt, befaßt sich die Agrarbiologin Gaby Stoll, Fachreferentin bei Misereor. Nach einer allgemeinen Einführung folgen die vereinfachten Standpunkte der “Entwickler” und Befürworter neuer gentechnischer Verfahren und die der Kritiker.
Den Entwicklern, überwiegend großen transnationalen Konzernen aus den Bereichen Agrarchemie, Saatgut und Lebensmittelverarbeitung, geht es um die Entwicklung verbesserter Sorten. Dazu wird vielfach genetisches Material benötigt, vor allem aus den südlichen Ländern, welche über die Artenvielfalt der Pflanzen (noch) verfügen ; von den neuen Produkten werden riesige Profitspannen erwartet . Die günstigen Rahmenbedingungen dazu stellen die, die sie schon immer gestellt haben. Seien es die rechtsfreien Räume zur leichtfertigen Freisetzung gentechnisch manipulierten Saatgutes oder die Verträge, die den Firmen den Zugang zum genetischen Material erleichtern. Internationale patentrechtliche Vereinbarungen besorgen dann den Rest. Für die einheimische Bevölkerung, die Ressourcen und ihr umfassendes Wissen zur Verfügung gestellt haben, verschlechtert sich die Wettbewerbsfähigkeit mit den bekannten Folgen. Die Behauptung, Bio- und Gentechnologie trage zur Verbesserung der weltweiten Ernährungssicherung bei, ist also lediglich ein Deckmäntelchen. Trotz der etwas vereinfachten Darstellung ist der Beitrag überzeugend, man vermißt weiterführende Literaturangaben.
Herausragend ist auf jeden Fall der wesentlich differenziertere Beitrag von Franz Nuscheler, der viele Aspekte der Problematik beleuchtet : Agrardumping, Nahrungsmittelhilfe, “Mensch oder Schwein” , ökologische Grenzen des Wachstums etc. Ein sehr empfehlenswerter Beitrag. Als einziger Autor gibt er auch weiterführende Literatur an, ansonsten sind im Anhang lediglich Misereormaterialien aufgeführt. Am Beispiel Kenia und Brasilien werden noch zwei weitere Problemschwerpunkte behandelt. Einmal die Gefahren der subventionierten Agrarimporte aus den Industrieländern für die Entwicklungsländer und die Konflikte zwischen Landlosen und Großgrundbesitzern.
Über eine Einführung in die jeweiligen Themen führen diese Artikel jedoch nicht hinaus. Das ist auch nicht der Anspruch des recht günstigen Buches, denn auf knapp 170 Seiten kann man bei der Bandbreite der verschiedenen Länder und Themen nicht mehr erwarten. Die knappe Darstellung stellt die Ungerechtigkeit bei diesem Thema aber auch noch deutlicher heraus. Die Gestaltung ist insgesamt sehr übersichtlich, die Grafiken gut nachvollziehbar und im Anhang können fachsprachliche Begriffe nachgeschlagen werden.
Alexandra Geiser
Bischöfliches Hilfswerk Misereor [Hrsg.], Ernährung. Ein Recht für alle, Horlemann Verlag,
Unkel/Rhein 1997, ISBN 3-89502-060-5, 174 Seiten, 19,80 DM