“Der diesjährige Friedensnobelpreis geht an Rigoberta Menchú”. Peinliche Stille. Zur gleichen Zeit an einem anderen Ort. Die K’iche’-Indianerin Rigoberta Menchú demonstriert zusammen mit anderen Indígenas gegen die 500-Jahr-Festlichkeiten. Sie ist keine Vorzeige-und-Herumreiche-Indianerin, die in irgendeiner Weise westlichen Vorstellungen entspricht und als gekürte Preisträgerin zur Stelle ist. Rigoberta Menchú hat klare Vorstellungen von dem, was sie erreichen muß und welchen Weg sie dafür einschlägt. Die hochdotierte noble Prämie wird zur politischen Stiftung, Rigoberta Menchú zur UNESCO-Sonderbotschafterin mit Diplomatenstatus. Weder der guatemaltekische Staatsapparat, noch die Weltöffentlichkeit kommen an ihr und ihren Forderungen vorbei.
Rigoberta Menchú zeugt von einem indianischen Aufbruch, der nicht nur die Maya-Bevölkerung einschließt. Der Indianer muß schweigen, sonst muß er sterben (Sioux Sitting Bull) gilt nicht mehr für die heutige indianische Generation. Es wird gehandelt, um zu überleben. Die legendäre Opferrolle hat ausgedient. Das vorliegende Buch von Raimund Allebrand (Hrsg.) will davon Zeugnis ablegen.
Die Arbeit ist bestimmt keine Neuheit und reiht sich zwischen all die vielen mehr oder minder gelungenen Bände über Indígenas im Allgemeinen, Speziellen, zum Anfassen, Beäugen, oder einfach nur zum besseren Verständnis. Bestimmt aber zählt es zur Kategorie gelungen und ist auf alle Fälle lesenswert. Das dreiteilige Buch führt uns durch die Geschichte der Maya unter Berücksichtigung der natürlichen Umwelt, Grundlagen der Landwirtschaft, Herrschaftsformen, Widerstand gegen die spanische Kolonisation. Dabei beschreibt der Autor Nicolai Grube nicht zwingend ein “neues Bild von Geschichte und Kultur der Maya”, wie auf der Rückseite des Buches versprochen. Nur für die Riege der Unverbesserlichen, welche índigene Völker mit Passivität, Widerstandslosigkeit, Naivität, Unmündigkeit und Wehrlosigkeit gleichstellt, ist das Buch brandneu. Für alle anderen ist es eine interessante Auseinandersetzung mit den Forderungen und Rechten des Maya-Volkes.
Im Grunde ist es auch eine Abrechnung mit der europäischen Geschichtsschreibung, die sich das akademische Interpretationsmonopol vorbehält. Im zweiten Teil des Buches stellt Raimund Allebrand zahlreiche politische Aktivitäten, die in das Friedensabkommen von Guatemala mündeten, der angeblichen indianischen Lethargie entgegen. Er schreibt wider den Wahrheitsanspruch europäischer Wissenschaftler indem er zwei Versionen einer Geschichte aufeinanderprallen läßt. Anstelle der beiderseits instrumentalisierten Geschichtsschreibung müsse die Diskussion des Geschichtsbildes mit den Intellektuellen der Maya treten. Wie das in der Realität aussehen soll bleibt indes unklar.
Ein erster Versuch der Umsetzung wurde in diesem Buch gemacht. Von einer Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Perspektiven kann zwar weniger die Rede sein, zumindest aber von einem Nebeneinander. Der letzte Teil des Buches ist die erweiterte Fassung eines Vortrages, den Demetrio Cojtí Cuxil vor dem ersten Forum des Maya-Volkes und der Präsidentschaftskandidaten gehalten hat. Kein Teil des Buches könnte den indianischen Aufbruch in Guatemala besser dokumentieren. Auf keiner der Seiten sind die Rechte und Forderungen klarer und eingängiger formuliert.
Abgesehen von der intensiven thematischen Auseinandersetzung ist auch die Darbietungsform des Buches beachtlich. Die Autoren entsagen der angeblich wissenschaftlichen Sprache, die allzu oft nur das Unvermögen, Komplexes auf verständliche Weise darzustellen, kaschiert. Wissenschaftlicher Unrat, auch Endlosfußnote genannt, verschwindet. Ohne an Wissenschaftlichkeit einzubüßen, der Alptraum vieler AkademikerInnen, wird das Buch zum Leseschmaus und eignet sich als Einführung.
Jutta Wasserrab
Raimund Allebrand (Hrsg.), Die Erben der Maya. Indianischer Aufbruch in Guatemala, Horlemann Verlag, Bad Honnef 1997, ISBN 3-89502-063-X, 24,- DM