Nach so vielen Impressionen in dieser Zeitung zum Studium in Städten Lateinamerikas, Portugals und Spaniens soll nun ein fiktiver Bericht eines brasilianischen Austauschstudenten über das Studium in Köln die andere Seite dokumentieren.
“Ein Jahr habe ich als Austauschstudent in Köln verbracht, eine beeindruckendes Erlebnis. Ich möchte im folgenden meine Eindrücke zusammenfassend darstellen:
Die erste Hürde eines jeden Stipendiaten ist der Erhalt des Studentenvisum. Es ist zwar ein leichtes nach Europa zu gelangen. Ein Direktflug von Fortaleza nach Amsterdam dauert nur neun Stunden. Der Weg zum Visum dauert weitaus länger. Dieses muß man in Brasilien beantragen. Das nächste deutsche Konsulat gibt es nur in Recife. Die Fahrt dorthin dauert 12 Stunden mit dem Bus und kostet hin und zurück 80 DM. Es werden eine Vielzahl von Dokumenten verlangt und man muß schon mehr als einen Tag einplanen, wenn man auf die Reise geht. Irgendwann habe ich es dann dennoch geschafft, ein Visum zu bekommen. Dieses gilt sinnigerweise nicht besonders viel, da es bei der Ankunft in Deutschland sofort verlängert werden muß.
Als ich in Deutschland ankam, warteten eine Reihe weiterer Ämter und Institutionen auf mich, die nach der Reihe abzuklappern waren: Akademisches Auslandsamt, Bank, Krankenkasse, Studentensekretariat, Einwohnermeldeamt, Ausländeramt. Für diese Stationen müssen schon einige Tage eingerechnet werden und sie stellen erste Anforderungen an den Orientierungssinn in einer fremden Stadt.
Köln kann auf eine 2000-jährige Geschichte zurückblicken. Geht man durch die Stadt merkt man davon jedoch kaum etwas. Das Zentrum um den Neumarkt zeichnet sich durch häßliche Geschäftsbauten im Stile der fünfziger Jahre aus. Aber auch ein Blick aus dem Zentrum hinaus nützt nicht sehr viel. Stadtteile wie Chorweiler gleichen Betonwüsten mit Hochhäusern und das größte Wohnhaus Europas, der Uni-Center, trifft nur bei Selbstmördern auf größere Beliebtheit.
Auch die sozialen Probleme der Stadt treten jedem, der mit offenen Augen durch die Stadt geht, sofort ins Auge. Obdachlose schlafen in den Kaufhauseingängen des Zentrums, zu jeder Tageszeit trifft man Menschen, die sich auf der Straße betrinken.
Das Thema Sicherheit ist ein sehr ernstes Problem. Die Anonymität der Stadt läßt die Gewalt emporschnellen. Parkhäuser können sich besonders für Frauen zur Falle entwickeln.
Die Universität zu Köln ist mittlerweile die größte Universität Deutschlands. Es gibt wohl kaum ein besseres Beispiel für eine Massenuniversität. Überfüllte Hörsäle werden garniert durch architektonische Ungetümer. Tageslicht in Hörsälen ist in Köln ein ungewünschtes Phänomen. Der erste Blick auf das Hörsaalgebäude animiert jeden Studenten umzudrehen und wegzulaufen.
Der normale Austauschstudent muß sich aber erst einmal mit anderen Dingen beschäftigen. Denn bevor man ein “ordentliches Studium” in Angriff nehmen darf, muß man sich das ganze erste Semester mit einem zwanzigstündigen Deutschkurs auseinandersetzen, der dann mit der “Prüfung zum Nachweis der Deutschen Sprache” (PNDS) abschließt. Wenn man dies geschafft hat und noch Lust hat, kann man sich auf das richtige Studium stürzen. Mit Engagement sollte man sich aber eher zurückhalten, da kein einziger Schein in Brasilien nachher anerkannt wird. Die Scheine sind dafür aber auch nicht besonders arbeitsaufwendig. Es wird maximal eine Klausur oder ein Referat verlangt, also kein Vergleich zu den Kursen in Fortaleza, die meistens mit zwei bis drei Klausuren und zusätzlichen Hausarbeiten verbunden sind.
Zum Thema Wetter in Köln braucht man nicht besonders viel sagen. Die Hälfte des Jahres ist es furchtbar hell. (Wer wird schon gerne um drei Uhr morgens mit Sonnenschein geweckt) und die andere Hälfte ist es furchtbar dunkel. Besonders diese Zeit schlägt besonders auf das Gemüt. Dazu kommt, daß es die meiste Zeit des Jahres nur regnet. Da sind sich Sommer und Winter wieder sehr ähnlich.
Die Deutschen sind aber noch weitaus wetterfühliger als wir. Kaum erscheint ein Sonnenstrahl lassen sie die mißmutigen Gesichter und auch die meiste Kleidung fallen. Übermut statt Mißmut. Ein Mittelweg kennen sie scheinbar nicht und da es die meiste Zeit regnet lernt man doch eher den Mißmut kennen.”
Diese Gedanken könnten zu weiteren Themenkomplexen ausgeführt werden: Karneval, Freundlichkeit auf der Straße, die Verklemmtheit der Menschen etc. Trotz aller dieser negativen Punkte möchte ich doch jedem anderen Studenten Fortalezas den Besuch der Uni in Köln empfehlen. Denn nur auf diese Weise kann mit eigenen Augen sehen und erleben, was andere einem bei einigen Gläsern Brahma erzählen.
Sérgio Barreira