...und zwar in ein wildes Tier. “Die Wirkung auf den Weißen ist dieselbe, wenn es auch, da der Weiße höher entwickelt ist, länger dauert, bis er auf das gleiche Niveau herabgesunken ist” ...meinte zumindest der us-amerikanische Kongreßabgeordnete Hobson im Zuge einer Diskussion um eine Alkoholprobihitionsnovelle. Die psychische Gesellschaft Amerikas in Person von einem Dr. Bromberg fand 1933 - ebenfalls überaus qualifiziert - heraus, daß Marihuana “als sexuelles Stimulanz besonders bei Homosexuellen” wirkt.
Diese Erkenntnisse fungieren in Robert Lessmans Buch über “Drogenökonomie und Internationale Politik” als Beispiele, die die Genese und das aktuelle Umfeld des us-amerikanischen Prohibitionsdiskurses illustrieren: “Stets behielt der juristische Diskurs die Oberhand über den medizinischen. [...] Nicht toxikologische und pharmakologische Erkenntnisse bestimmten den Diskurs über Drogen, sondern die subjektive Wahrnehmung dessen, was man für deren Wirkung hielt. Und zwar weniger in bezug auf die individuelle oder die Volksgesundheit als vielmehr auf den gesunden Körper’ der nordamerikanischen Gesellschaft.” (S. 32)
Nach dieser Einführung in das Umfeld des amerikanischen Drogenprohibitionsdiskurses folgt eine kurze Darstellung des Koka-Kokain-Zyklus sowie ein Abriß über die Geschichte der amerikanischen Drogenproblematik sowie über die Drogengesetzgebung. Der Hauptteil des Buches geht auf die Ökonomie und Politik des Kokaingeschäfts und die jeweilige Anti-Drogen-Politik in Bolivien und Kolumbien ein.
Zwei Sachen scheinen wichtig für das Verständnis dieses Buches: Erstens setzt es sich nicht mit der Drogenproblematik unter sozialen Gesichtspunkten auseinander. Es greift also auch nicht in die Liberalisierungsdiskussion ein und bezieht hier keine Stellung. Zweitens handelt es sich nicht um eine neue Verschwörungstheorie imperialistischen Machenschaften in der “Dritten Welt”.
Nach der oben erwähnten Einführung in den us-amerikanischen Prohibitionsdiskurs zeigt dieses Buch deutlich, daß die us-amerikanische Drogenpolitik immer unter dem Vorzeichen der Externalisierung jeglicher Drogenproblematik stattgefunden hat. Infolgedessen beschränkte sich die Anti-Drogen-Problematik der Nordamerikaner auch stets auf die Angebotsseite, und somit auf die sogenannten Herkunfts- oder Anbauländer und berührt damit die Innenpolitik der betroffenen Länder. Damit ist der größte Teil des Gegenstands der Untersuchung gekennzeichnet: Inwieweit tangiert die auf die Anbauländer ausgerichtete Anti-Drogen-Politik der US-Amerikaner die innenpolitischen Prozesse bzw. inwieweit schränkt deren auf drogenpolitische Ziele ausgerichtete Wirtschaftspolitik die Souveränität der betroffenen Länder - in diesem Falle Bolivien und Kolumbien - ein?
Um die Wechselwirkungen zwischen us-amerikanischer Anti-Drogen-Politik und juristischen, demographischen, militärischen und polit-ökonomischen Entwicklungen in den Koka-produzierenden Ländern zu zeigen, greift Lessmann auf eine Unzahl von Quellen zurück, die von Gesetztestexten und unzähligen Statistiken über Diskussionbeiträge im US-Kongreß bis hin zu diplomatischer Post reichen. Das jeweils benutzte Datenmaterial - insbesondere die sich oftmals widersprechenden oder zumindest stark voneinander abweichenden Statistiken - wird dabei durchaus kritisch hinterfragt, jeweils anderslautende Quellen werden erwähnt und zur Diskussion gestellt, so daß die breite Basis dieser Arbeit als durchaus ausgewogen gelten muß. Viele offene Fragen, die zurückbleiben, sind die logische Konsequenz dieser Vorgehensweise. Nach Lessmann läßt sich aus den unterschiedlichen statistischen Angaben - sei es über Drogenproduktion oder die Erfolge ihrer Bekämpfung - oftmals eher etwas über die Motivation der jeweiligen datenausgebenden Stellen ableiten, als über den dargestellten Sachverhalt selbst. Dies macht das Buch nicht einfacher - im Gegenteil - aber glaubwürdiger.
Wer nun meint, daß ein Buch, welches auf einer Unmenge von Daten, Zahlen und Quellen aufbaut, hochwissenschaftlich ist und damit trocken und unlesbar, der hat recht - zumindest in weiten Teilen. Man merkt, das dieses Buch Lessmanns Dissertation zum Thema ist. Wer spezielles (wissenschaftliches) Interesse an der us-amerikanischen Drogenpolitik in Lateinamerika hat, ohne Verschwörungstheorien folgen zu wollen, der findet in diesem Buch alles an Zahlen, Gesetzestexten usw., was er braucht, darüberhinaus eine gute Dokumentation der Diskussion zum Thema sowie ein hervorragendes Quellenverzeichnis. Man braucht allerdings einen langen Atem, um dieses Buch durchzuarbeiten.
Dirk Heinen
Robert Lessmann, Drogenökonomie und internationale Politik. Die Auswirkungen der Antidrogen-Politik
der USA auf Bolivien und Kolumbien, Schriftenreihe des Instituts für Iberoamerika-Kunde, Vervuert, Frankfurt
am Main 1996, ISBN 3-89354-241-8, 305 Seiten., 56,- DM