Inflation und Stabilisierung in Brasilien:

Probleme einer Gesellschaft im Wandel

Jedem Präsidenten seinen Wirtschaftsplan. Seit dem Ende der Militärdiktatur sagte die junge brasilianische Republik der Inflation den Kampf an und setzte auf Stabilisierung ihrer Währung. Sechs Währungsreformen konnten seither verbucht werden. Ihre Durchschlagkraft war teilweise von Anfang an dermaßen desaströs, daß sich selbst ihre “Erfinder” schämten, als Namensgeber zu fungieren. Anders bei Fernando Henrique Cardoso (FHC). Von Anfang an konnte er auf ein allseitiges Vertrauen in den Plano Real bauen. 1994 wurde zum Jahr des Freudentaumels, der Siegeszug begann mit der plötzlichen Talfahrt Lulas und endete glorreich mit FHC’s Triumph bei den Präsidentschaftswahlen. Brasilien lebt seit nun mehr als zwei Jahren mit einer noch nie dagewesenen Währungsstabilität. Wer sich mit der gerade propagierten Version über FHC’s Reformpläne nicht zufriedengibt und ein differenzierteres Bild über die Vorgänge, Erfolge und Niederlagen für notwendig erachtet, sollte auf das Buch Inflation und Stabilisierung in Brasilien nicht verzichten. Hauptsächlich brasilianische WissenschaftlerInnen äußern sich auf ca. 300 Seiten in ihren Artikeln zum Thema Plano Real.

Der Band ist in drei Teile gegliedert. Der erste befaßt sich mit einer eingehenden Analyse über den aktuellen Stand des Stabilisierungsprogramms, der zweite mit den Akteuren in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft und deren Einfluß bzw. Einwirken auf die Reformen. Die Frage nach den Ursachen und Konsequenzen der Inflationswirtschaft schließt den Band ab. Wahrscheinlich unbeabsichtigt, genau deswegen aber grandios, skizziert Barbara Fritz das Bild eines bewußt charismatischen Präsidenten, der seine Stolpersteine (Gewerkschaft) wirksam aus dem Weg räumt. Er ist aber nicht der allmächtige Reformer, der vor nichts zurückschreckt, sondern bewegt sich in einem Rahmen, der ihm von brasilianischen Eliten gesteckt wird. Barbara Fritz läßt sich von der eingedämmten Inflation nicht blenden. Fein säuberlich zerpflückt sie FHC’s Reformpaket in die einzelnen Bestandteile (Stabilisierung, Steuerreform, Reform der öffentlichen Verwaltung und der Sozialversicherung, Privatisierungen) und klopft ein Element nach dem anderen nach Erfolg und Mißerfolg ab.

Steht eine zukünftige Vorhersage zum weiteren Reformverlauf an, äußert sich die Mehrheit der Autoren eher verhalten. Sérgio Henrique Hudson de Abranches ist indes einer von denen, der bekennt und Brasilien auf dem richtigen Weg wähnt. Das Land befinde sich “auf dem Weg der Stabilisierung, die mit großer Wahrscheinlichkeit innerhalb von wenigen Jahren dauerhaft erreicht sein [werde].” Was der Autor wahrscheinlich nicht geahnt hatte, daß Brasilien im zweiten Quartal 1995 eine Stabilisierungskrise erleben sollte. Seine Untersuchungen gelten wie der Titel seines Artikels explizit sagt nur für die Anfangsphase des Plano Real. Die voreiligen Zukunftsprognosen wirken leicht staubig.

Den Zukunftsoptimismus von Sérgio Henrique Hudson de Abranches kann Jörg Meyer-Stramer weniger teilen. Sein Blick über den Tellerrand der ökonomischen Kistenkramerei hinaus befähigt den Wissenschaftler unter Einbezug geschichtlicher Kenntnisse die Grenzen der Reformen im politischen System zu suchen. Solange das korporativistischen, neokorporativistischen, klientilistischen, pluralistischen und plebiszitäre System ohne klare Funktionslogik mit seiner korrupten parlamentarischen Praxis die Legitimität der jungen Demokratie untergräbt bleibt den Reformen ein durchschlagender Erfolg verwehrt. Keine vergleichende Analyse von Währungsreformen verschiedener Länder unter völligem Ausschluß der politischen Gegebenheiten, kein akribisches Ausmachen von Fehlern innerhalb der Reformpläne ohne Nennung der politischen und sozialen Situation.

In der 43. Ausgabe der Schriftenreihe des Instituts für Iberoamerika-Kunde scheitern sich die Geister jedoch nicht nur an der Zukunftsperspektive des Plano Real. Für den einen ist die brasilianische Demokratie gänzlich konsolidiert, für den anderen steht sie unter Garantie auf äußerst wackeligen Beinen. Dem informellen Zweig wird nur an so mancher Stelle Bedeutung beigemessen, an anderer wird sie ihm durch einfache Nichtbeachtung abgesprochen usw. Ein Buch, das eine bunte Vielfalt verschiedener Ansichten bietet. Schön wäre jedoch gewesen einige Artikel von dem Ballast der einführenden Worte über Entstehung und Phasen des Plano Real zu befreien. Ein Wiederholung kann als Vertiefung nicht abgelehnt werden, bei der zweiten oder dritten geht dann die Geduld schon verloren, spätestens aber nach der fünften packt einen der heilige Zorn... Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, eine Erwähnung ist es aber wert: Dieses Buch strotzt nicht vor portugiesischen Rechtschreibfehlern! Schon aus diesem Grund könnte es Orientierungshilfe für andere wissenschaftliche Werke sein.

Jutta Wasserrab

Gilberto Calcagnotto/Barbara Fritz (Hrsg.), Inflation und Stabilisierung in Brasilien. Probleme einer Gesellschaft im Wandel, Institut für Iberoamerika-Kunde, Schriftenreihe Band 43, Vervuert Verlag, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-89354-242-4, 56,- DM

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Diese Seite wurde erstellt von Johannes Beck am 05.06.97