António Lobo Antunes’ natürliche Ordnung der Dinge

Düstere Schatten begegnen sich an einer grauen Straßenecke. Schon der Umschlag der “Natürlichen Ordnung der Dinge” macht neugierig.

Tauchen wir mit António Lobo Antunes in die dunkle Welt des Lissabonner Stadtteils Alcântara ein. Ein alter Mann verbringt die Nächte mit seiner schlafenden 18jährigen Frau, indem er ihr Geschichten aus seiner Kindheit erzählt. Für sie, hochgradig zuckerkrank, ist er jedoch nur “Der, der mit mir schläft”, seine Jugenderinnerungen interessieren sie eher weniger, vielmehr fühlt sie sich in ihrem Schlaf gestört.

Was sich eher wie harmlose Erinnerungen eine leicht gestörten Alten anhört, wird in einen unglaublichen Albtraum ausarten. Ein Ex-Agent der portugiesischen Stasi PIDE taucht auf und wird von einem Schriftsteller über die Jugendzeit des Alten ausgefragt.

Zusammen mit einem ehemaligen Bergarbeiter aus Moçambique fliegt der PIDE-Agent durch die Lüfte und gemeinsam hacken sie mit einer Spitzhacke den Boden der Wohnung in Alcântara auf, um an unterirdische Stollen zu gelangen.

Wechsel der Szenerie: Benfica, etwas weiter nördlich, aber immer noch in Lissabon gelegen. Julieta heißt sie und seit ihrer Geburt wird sie auf dem Dachboden der elterlichen Quinta festgehalten. Nachdem ihr Vater impotent geworden war, ist die Mutter fremdgegangen. Unten im Hof brüllt jämmerlich ein Fuchs in einer Vogelvoliere.

Nebenan wohnt die Nachbarin, die dieses Buch geschrieben hat, doch der natürlichen Ordnung der Dinge gemäß wird es später noch einmal geschrieben werden.

Und dies hat António Lobo Antunes meisterlich vollbracht. Er führt mit Hilfe verschiedener Erzähler in den alltäglichen Wahnsinn ein. Meist wissen wir nicht sofort, wer da erzählt und oft auch nicht was da erzählt wird.

Menschen lernen wir selten mit ihrem Namen kennen, sie werden uns als “Neffe”, “Filmvorsteller”, “Mulattin von der Avenida”, “Der mit dem Turban” vorgestellt. Der Unterschied zwischen Realität und surrealen Wahnvorstellungen verfließt vor unseren Augen.

“Man muß aus dem Irrenhaus kommen, um so etwas zu schreiben”, so eine Leserin. Richtig, António Lobo Antunes kommt aus dem Irrenhaus. In der Lissabonner Nervenheilanstalt Júlio de Matos hat er als Arzt gearbeitet, seit einigen Jahren lebt er jedoch nur noch vom Schreiben.

Dieses Buch ist wahrlich eine weitere Empfehlung für den ewigen portugiesischen Literaturnobelpreiskandidaten. Gespannt warten wir auf die deutsche Übersetzung seines neuesten Werkes O Manual dos Inquisidores.

Johannes Beck

António Lobo Antunes, Die natürliche Ordnung der Dinge, Übersetzung aus dem Portugiesischen: Maralde Meyer-Minnemann (Orginaltitel: A ordem natural das coisas), Carl Hanser Verlag, München 1996, ISBN 3-446-18735-9, 344 Seiten, 45,- DM.

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Diese Seite wurde erstellt von Johannes Beck am 05.06.97